Trotz Kälte genug Strom Die ausgefallene Katastrophe

Die Befürchtungen, Deutschland werde nach der Energiewende an kalten Tagen einen Blackout erleben, haben sich bislang nicht erfüllt. Stattdessen herrscht verkehrte Welt: Nach außen hin leidet nicht Deutschland an Strommangel, sondern das Atomland Frankreich.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Das waren die Tage, vor denen die Experten gewarnt haben. Winter, Kälte, wenig Sonne, wenig Ökostrom. Dann, so hieß es im vorigen Sommer, sei der Blackout nahe - mit nur noch neun statt 17 Atomkraftwerken wie vor der Energiewende. "Einen kalten Wintertag in den frühen Abendstunden" hatte die Bundesnetzagentur seinerzeit simuliert, um dem Ernstfall nahezukommen: viel Bedarf, wenig Kapazitäten. Und jetzt?

Hoch Dieter hat die Bundesrepublik so gut wie hinter sich gebracht: kalte Tage, wenig Wind. Und plötzlich herrscht verkehrte Welt. Nach außen hin stand nicht Deutschland - wie befürchtet - vor dem Blackout, sondern Frankreich. Nicht in Deutschland explodierten die Börsenpreise für Strom, sondern im westlichen Nachbarland. Auf zwischenzeitlich knapp zwei Euro die Kilowattstunde schnellten sie am Donnerstag; in Deutschland lagen sie um 16 Cent. "Klar, das ist nur eine Momentaufnahme", sagt Uwe Leprich, Energiewirtschaftler an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. "Aber es belegt, dass das System mehr verkraftet, als viele gedacht haben."

Nicht zuletzt Sonne in Deutschland hat Frankreich vor Schlimmerem bewahrt. Zu Spitzenzeiten lieferten hiesige Solarzellen so viel Strom wie neun Atomkraftwerke: 11 000 Megawatt. "Wer hätte gedacht, dass wir über Photovoltaik noch einmal so froh sein würden", räumt ein deutscher Energiemanager ein.

All diejenigen, die für die Abschaltung der Atommeiler kämpften, fühlen sich bestätigt. Von einem "echten Härtetest" spricht Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU): "Aber er wird in Deutschland auch mit Wind und Solar gut bewältigt." Von wegen Stromlücke, so Philipp Vohrer, Chef der Agentur für Erneuerbare Energien. "Deutschland kann seinen Nachbarn selbst im strengsten Winter jeden Tag Strom abgeben - und zwar regelmäßig mehr, als importiert wird." Eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums erklärt: "Die derzeitige Versorgungsituation mit Strom in Deutschland ist angespannt, aber stabil."

Doch es drang durch, dass sich die Lage zum Teil erheblich verschlechterte - weil Gaslieferungen aus Russland ausblieben. Wegen der dortigen Niedrigsttemperaturen brauchte der Konzern Gazprom die Energie fürs eigene Land. Und so war die Versorgung von Gaskraftwerken in Süddeutschland bedroht, vier Gaskraftwerke wurden vom Gasnetzbetreiber Open Grid Europe zeitweise vom Netz genommen - und die Beamten des Bundeswirtschaftsministeriums schalteten sich von Dienstag an täglich zur Krisentelefonkonferenz mit den Vertretern der wichtigen Gas- und Stromnetzbetreiber sowie der Bundesnetzagentur zusammen, wie die Welt am Sonntag beschrieb.

"Die Situation war so ernst wie nie zuvor"

Aufmerksam wurde registriert, dass die Stadtwerke im Schwarzwald-Ort Schramberg die Bürger aufgefordert hatte, die Raumtemperatur "etwas abzusenken" oder in Ettlingen bei Karlsruhe die Heizungen in Schulen und im Hallenbad gedrosselt wurden. Eine "Kaltreserve" wurde von der Netzagentur mit viel Aufwand aktiviert, auch aus Österreich. Netzbetreiber mussten Strom zu Toppreisen aus dem Ausland kaufen.

Am Ende ging es mit der Stromversorgung gut - aber es war, glaubt man deutschen Netzbetreibern, recht knapp. "Die Situation war so ernst wie nie zuvor", heißt es bei der RWE-Tochter Amprion, die das größte deutsche Höchstspannungsnetz unterhält. Nur "unter Aufbietung aller Kräfte" habe sich das Netz stabil halten lassen. Das lag auch an alten Öl- und Kohlekraftwerken, die als letzte Reserve fungierten. Da machte sich die Abschaltung der AKW am ehesten bemerkbar. "So eine Energiewende geht eben nicht von heute auf morgen", kommentiert Energiewirtschaftler Leprich. "Das ist eine Jahrhundertaufgabe."

Dabei ist in Sachen Energiewende wenig passiert. Zwar arbeitet die Bundesnetzagentur an einem Superlan für die Stromautobahnen - allerdings kommt selbst der Ausbau lange geplanter Leitungen nur langsam voran. Neue Windparks zur See sind zwar leichter möglich, Strom liefern werden die meisten aber erst in einigen Jahren - ganz zu schweigen von den Stromspeichern, die Ökostrom aufnehmen sollen, wenn er im Überfluss vorhanden ist. Auch von den vielen flexiblen Gaskraftwerken, die bei Flaute einspringen, fehlt jede Spur.

Die Nachbarn trauen der deutschen Wende nicht

Die europäischen Nachbarn misstrauen der deutschen Wende. Der wachsende deutsche Ökostrom-Anteil, 2011 bei gut 20 Prozent, drängt immer stärker in die Nachbarländer. "Strom sucht seinen Weg, wie ein Hochwasser", sagt EU-Energiekommissar Günther Oettinger. "Deshalb geht der Strom derzeit ungefragt, unangemeldet über Polen, Tschechien nach Hof in Bayern."

Und je weniger schnell hierzulande die Stromnetze ausgebaut werden, desto mehr fließt über die Nachbarstaaten. In Tschechien, das gern Atom- und Kohlestrom nach Deutschland liefert, kann sich die Last im Stromnetz durch deutsche Importe rasch mal verdreifachen. "Damit wird unser System von einem Blackout bedroht", warnt Tschechiens Ministerpräsident Petr Necas. Zwei Milliarden Euro müsse sein Land deswegen nun in den Ausbau der Stromnetze investieren.

Einstweilen dürfte sich die Lage entspannen. Die Kältewelle verschwindet. "Die Katastrophe ist zwar ausgeblieben", heißt es in einem Stromkonzern, "aber wenn man den Deckel hochhebt, tut sich die Hölle auf." Auch EU-Kommissar Oettinger will von Entwarnung nichts wissen. Die Bewährungsprobe folge in den nächsten zehn Jahren, wenn neun weitere Kernkraftwerke vom Netz gehen - dann müssten "Produktions- und Kapazitätsreserven" aufgebaut werden. Oettinger: "Das ist die eigentliche Aufgabe, die vor uns liegt."