Von Karl-Heinz Büschemann und Janis Vougioukas

Deutsche Industriekonzerne schieben sich gegenseitig die Schuld am Scheitern der Münchner Magnetbahn-Strecke zu. Und nun geht auch noch China auf Distanz.

Nach dem Scheitern der Pläne zum Bau einer Transrapidstrecke in München sind auch in China die Chancen auf den Ausbau der Magnetbahnlinie gesunken, die den Finanzdistrikt der Millionenstadt Schanghai mit dem internationalen Flughafen Pudong verbindet.

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Die erste Priorität der Stadtplaner war über viele Jahre die Verlängerung der Trasse zum Inlandsflughafen Hongqiao. In der zweiten Ausbauphase hätte die Millionenstadt die Transrapidstrecke gerne bis in die 170 Kilometer entfernte Nachbarstadt Hangzhou verlängert. Das wird nun schwieriger.

"Es ist derzeit nicht sicher, dass China sich überhaupt weiter für den Transrapid interessiert", sagt Zhang Weimin, einer der führenden chinesischen Ingenieure an der renommierten Schanghaier Tongji-Universität, wo China eine eigene Teststrecke zur Erprobung neuer Magnetschwebetechnologien gebaut hat.

Proteste verunsichern Regierung

Ursprünglich sollte die verlängerte Transrapidstrecke bereits zur Weltausstellung im Jahr 2010 in Betrieb genommen werden. Weil der Termin immer näher rückte, begann die Regierung bereits vor gut einem Jahr mit der Umsiedlung der betroffenen Anwohner - obwohl noch nicht einmal ein Liefervertrag mit Siemens unterschrieben worden war.

Doch es gab Probleme. Niemand hatte offenbar mit den gewaltigen Protesten der betroffenen Anwohner gerechnet, die über mehrere Wochen jeden Tag gegen den Transrapid demonstrierten und die Bürogebäude der Stadtverwaltung belagerten.

Zudem entscheidet über die Verlängerung der Transrapid-Strecke nicht allein die Stadtregierung von Schanghai, die dem Projekt halbwegs positiv gegenüber steht. Auch die Regierung in Peking redet mit. Die hat sich gerade neu gebildet und steht der Magnetbahn aus Deutschland besonders kritisch gegenüber. Schon das Wort "Transrapid" treibt den chinesischen Beamten zunehmend die Sorgenfalten auf die Stirn. Aber auch in Schanghai ist der soziale Friede wichtiger als neue Verkehrsprojekte.

Inzwischen beschuldigen sich in Deutschland die am Transrapid beteiligten Industrieunternehmen gegenseitig, das Magnetbahnprojekt vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen zu Fall gebracht zu haben.

Die Unternehmen Siemens und Thyssen-Krupp, die für die Zugtechnik verantwortlich sind, beschuldigen die beteiligten Baufirmen, darunter die Unternehmen Hochtief, Bilfinger Berger sowie das Oberpfälzer Spezialunternehmen Max Bögl, die Kosten plötzlich in die Höhe getrieben zu haben. Das sei überraschend geschehen. "Die Bauindustrie hat die Preissteigerungen zu verantworten", heißt es bei Thyssen-Krupp.

Auch bei Siemens wird gesagt, das Verhalten der Bauindustrie sei unverständlich: "Die haben sich maßlos verschätzt". Die bayerische Staatsregierung hatte im September verkündet, die geplante Transrapidstrecke werde 1,85 Milliarden Euro kosten. Jetzt belaufen sich die Schätzungen aber schon auf 3,4 Milliarden Euro.

Ein Hochtief-Sprecher, der für alle am Projekt beteiligten Baufirmen spricht, hält dagegen, die Kosten seien im Herbst noch nicht überschaubar gewesen: "Wir haben jetzt festgestellt, dass das Projekt für 1,85 Milliarden Euro nicht zu machen ist. Unsere Firmen hätten eine Milliarde Euro draufgezahlt." Die Bauindustrie könne es sich nicht leisten, die Strecke mit Gewinnen aus anderen Projekten zu subventionieren, so der Sprecher. "Der Transrapid ist für uns kein so wichtiges Leuchtturm-Projekt wie für Thyssen-Krupp und Siemens."

Dagegen macht der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Bauindustrieverbandes, Gerhard Hess, der Bahn schwere Vorwürfe. "Die hohen Kosten sind das Resultat einer Planung, die allein in den Händen der Bahn lag." Es sei unerträglich, wie sich Politik und Wirtschaft durch den Vorstand der Bahn haben an der Nase herumführen lassen.

Der Essener Konzern Thyssen-Krupp, der gemeinsam mit Siemens für das fahrende Material zuständig ist, will sich nach eigenen Angaben jetzt "auf die Verlängerung der Schanghai-Strecke konzentrieren".

Das Unternehmen bestreitet dagegen, die gesamte Technologie für den Transrapid an China verkaufen zu wollen. Siemens und Thyssen haben gemeinsam bisher etwa 300 Millionen Euro in die Entwicklung der Magnetbahn-Technik gesteckt. Die Bundesregierung hat das Magnetbahn-Projekt bisher mit 1,2 Milliarden Euro unterstützt.

Nach Angaben aus Aufsichtsratkreisen hat Bahnchef Hartmut Mehdorn in der Sitzung des Kontrollgremiums angekündigt, er wolle von allen Beteiligten die Kosten zurückholen, die der Bahn bisher für die Transrapid-Planung entstanden sind. Fachleute schätzen diese Aufwendungen auf etwa 60 Millionen Euro.

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(SZ vom 29.3.2008/hgn)