Von Michael Kuntz

Wandern, Wellness und Pilgern - der spirituelle Tourismus fasziniert weltweit bereits 300 Millionen Menschen.

Schaumbad und Massage, Sonne und Strand, Büfett und Bar - das allein ist für sie nicht mehr der Traumurlaub. Immer mehr Menschen suchen in den Ferien Antworten, die sie im Alltag nicht bekommen.

Kirche, dpa

Kirchen sind meist schlecht besucht, doch das Interesse am spirituellen Tourismus steigt. (© Foto: dpa)

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Während die Kirchenaustritte zunehmen und die Gotteshäuser allenfalls an Feiertagen gut besucht sind, steigt das Interesse am spirituellen Tourismus. Fachleute schätzen, dass in diesem Jahr weltweit mehr als 300 Millionen Menschen unterwegs zu sich selbst sind - beim Wandern, im Wellness-Urlaub oder auf der Pilgerreise.

Angst vor der Schweinegrippe

Dabei war 2009 für Pilger kein gutes Jahr. So verschoben etliche Gläubige ihre Reise nach Mekka, die für Moslems einmal im Leben obligatorisch ist. Sie hatten Angst vor der Schweinegrippe und blieben zu Hause. Manchen fehlte auch das Geld für den Trip zur Zeltstadt in Mina und in die Moschee von Mekka, der je nach Komfortansprüchen zwischen 2500 und 25000 Euro kostet.

Grundsätzlich aber wächst der Wunsch nach spirituellen Erkenntnissen während einer Reise. Seit ein Deutscher Papst ist, sind die Pilgerbüros wieder überlaufen. Und von dem Buch des Komikers Hape Kerkeling über seine Wanderung auf dem Jakobsweg wurden inzwischen mehr als drei Millionen Exemplare verkauft. Dabei weist Kerkeling selbst auf jene zwei Werke hin, nämlich die von Shirley MacLaine und Paulo Coelho, die ihn erst an das Thema herangeführt haben. "Sie waren wie Steigbügel."

Kerkeling trat mit seinem mehr praktischen als theologischen Ratgeber eine Bewegung los, mit der sich inzwischen selbst die akademische Welt beschäftigt. So widmete die Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaft unlängst ihre Jahrestagung in Eichstätt der Spiritualität. Die Menschen wollen, so formulierte es dort die Wiener Theologin Marianne Schlosser, der "fremdbestimmten, gnadenlos beschleunigten Arbeitswelt entfliehen" und ein authentisches Leben führen. Pilgern muss man dafür eigentlich nicht, denn "es ist doch jeder Ort dem Himmel gleich nah".

Suche nach dem Sinn des Lebens

Pilgern jedoch führt in die Gemeinschaft mit Menschen, die das gleiche Ziel ansteuern, angetrieben von der Sehnsucht nach heiligen Orten. Sie tun das in Etappen. Das kostet Zeit und Überwindung. Es ist entschieden asketischer als der Genuss einer Wellness-Behandlung.

Die Suche nach dem Sinn des Lebens ist normalerweise verbunden mit dem Wunsch nach einer persönlichen Veränderung. "Das Leben soll im Extrem eine andere Richtung nehmen", beschreibt der Potsdamer Psychologe Christoph Melchers die Erwartungen.

Es muss nicht immer gleich ein Aufenthalt im Kloster sein, der Besuch historisch bedeutsamer Orte tut es auch - Geburtshäuser und Aufenthaltsorte großer Persönlichkeiten, Orte von Erscheinungen, Schlachtfelder, alles kommt in Frage. Wo ein solcher Ort fehlt, muss er notfalls geschaffen werden. Denkmäler und Rekonstruktionen, das sind die Hilfslösungen von gestern.

Die Sehnsucht nach interessanten Urlaubsformen treibt die Menschen neuerdings in künstliche Welten, wie sie in den USA schon länger existieren. Etwa den Freizeitpark "The Holy Land Experience" in Orlando. Dort in Florida gibt es die Kreuzigung live und vier Mal täglich. Im Creation Museum in Kentucky leben Adam und Eva im Garten Eden.

Mit solch einem Ziel für den kommerziellen Tourismus zwischen Besinnlichkeit und Erlebnissuche soll auch bald Deutschland beglückt werden. Bei Heidelberg ist das "Genesis Land" geplant, mit der Arche Noah am Marktplatz von Jericho. Die Initiatoren versprechen ein konfessionsübergreifendes Gemeinschaftswerk von Menschen, die sich zum christlichen Glauben bekennen. Der Themenpark soll nach kaufmännischen Grundsätzen geführt werden und später eine ordentliche Rendite abwerfen.

Die spirituelle Reise muss nicht in die Ferne gehen. Sie kann kurz sein und gleich um die Ecke im Kaffeehaus stattfinden. Die NRW-Tourismusexpertin Ute Dallmeier weiß: "Starbucks verkauft nicht nur Kaffee, sondern vor allem eine Viertelstunde Pause." Das ist die schnelle Auszeit für die Sinnsuche.

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(SZ vom 24.12.2009/hgn)