Tourismusforscher Harald Pechlaner über den Kampf der Reisebüros gegen das Internet und traditionelle Ferienregionen am Scheideweg.
Professor Harald Pechlaner lehrt Tourismus an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Leiter des dortigen Zentrums für Entrepreneurship und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft.
Strandkörbe in Warnemünde: "Der Urlaub im eigenen Land zählt weiter zum Kerngeschäft. Allerdings haben die Konzerne in den letzten zwei Jahrzehnten die Reisen ins Ausland stark forciert." (© Foto: dpa)
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SZ: Herr Professor Pechlaner, ist der Kurztrip im eigenen Land die Antwort der Deutschen auf die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit?
Pechlaner: So ist es. Im Krisenjahr 2009 gab es ein leichtes Wachstum sowohl beim Inlandstourismus als auch beim Ferientourismus aus dem Ausland nach Deutschland. Der Kurztrip liegt dabei schon seit ein paar Jahren im Trend.
SZ: Kürzer, billiger, gesünder - sind das die neuen Urlaubtrends?
Pechlaner: Nicht allein, denn dazu kommt der Wunsch nach einem sinnvollen Urlaub. Die Menschen suchen Werte jenseits von religiösen Inhalten. Diese neuen Sehnsüchte werden nicht unbedingt bei Kurzreisen zu erreichen sein.
SZ: Wie sind die Aussichten für 2010?
Pechlaner: Eine Million Menschen sind derzeit in Kurzarbeit. Arbeiten sie wieder normal oder werden sie arbeitslos? Das wird ausschlaggebend sein für die Entwicklung des Tourismus im neuen Jahr. Wer Existenzangst hat, der verzichtet auf eine Urlaubsreise.
SZ: Oder er bucht ein Billigziel. Jahrzehntelang waren die Urlaubsrenner Spanien und Mallorca, jetzt geht es vielleicht eher in die Türkei und nach Ägypten?
Pechlaner: Ein Land muss heute mehrere Formen von Tourismus anbieten. Am Beispiel Ägypten sieht man es deutlich. Die klassische Kulturreise boomt eher nicht mehr, weil sie nicht weiterentwickelt wurde, "sea and sand" am Roten Meer dagegen sind sehr gefragt. Auch die Türkei wird verschiedene Reiseformen anbieten müssen. Hier ist der klassische Badeurlaub sicherlich auf die Dauer zu wenig.
SZ: Der Urlauber wird in seinen Wünschen unberechenbarer. Er entscheidet sich kurzfristiger. Das Zimmer mit Meeresblick ein halbes Jahr im voraus buchen - wer will das eigentlich noch?
Pechlaner: Es gibt die Schnäppchenjäger, die kurzfristig unterwegs sind. Andere buchen gern früh. Aber im Moment boomt eindeutig die Last-Minute-Reise. Das ist sicher eine Reaktion auf die von vielen als unsicher empfundenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
SZ: Ist das klassische Geschäftsmodell der Reiseveranstalter mit seinen Rabatten für Frühbucher überholt?
Pechlaner: Reiseveranstalter und Reisebüros sind im Umbruch. Überleben wird nur, wer sich der technologischen Herausforderung durch das Internet erfolgreich stellt. Das führt zu hybriden Anbietern, einer Kombination aus Veranstaltern und Verkäufern.
SZ: Haben die Reiseveranstalter den Deutschlandurlaub vernachlässigt? Hier buchen 80 Prozent der Touristen auf eigene Faust.
Pechlaner: Große Veranstalter machen gute Geschäfte mit Städtereisen in Deutschland. Der Urlaub im eigenen Land zählt weiter zum Kerngeschäft. Allerdings haben die Konzerne in den letzten zwei Jahrzehnten die Reisen ins Ausland stark forciert. Die Unternehmen sind dabei auch selbst immer internationaler geworden. Nun gibt es eine Wiederentdeckung des Urlaubs in Deutschland.
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Aber die trinkfreudigen Briten und Russen haben doch gar kein Hartz !