Tourismus in der Türkei Der Rubel grollt

Planschen vor (fast) heimischer Kulisse: Russische Touristen im Kremlin Palace Resort im türkischen Antalya.

(Foto: Nick Hannes/laif)
  • Nach dem Abschuss eines russischen Kampffliegers rät die Regierung in Moskau ihren Bürgern dringend vom Türkei-Urlaub ab.
  • Die Wirtschaft des Mittelmeer-Landes könnte das hart treffen, schließlich sind die Russen die zweitgrößte Gäste-Nation.
  • Ohnehin leidet der Tourismus unter der politisch schwierigen Lage im Land.
Von Michael Kuntz

Sie logieren in komfortablen Hotels und lassen Champagnerkorken mitunter schon zum Mittagessen knallen. Russische Touristen sind beliebt, jedenfalls bei Hoteliers und Gastronomen mit Angeboten im Luxussegment. In der Türkei sind die spendablen Russen nach den Deutschen die größte Gruppe ausländischer Urlauber. Damit dürfte es nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im Grenzgebiet zu Syrien vorerst vorbei sein. Moskaus Außenminister Sergej Lawrow hat seinen Landsleuten von Reisen in die Türkei abgeraten. Dort sei die Terrorgefahr nicht geringer als in Ägypten, warnte der Chefdiplomat und sagte seinen für Mittwoch geplanten Besuch in der Türkei ab.

Nach den Äußerungen des Außenministers fiel der Aktienkurs der Fluggesellschaft Aeroflot um fast fünf Prozent. Abgeordnete forderten, alle Flüge in die Türkei zu streichen. Russland hatte erst vor Kurzem sämtliche Flugverbindungen nach Ägypten eingestellt, weil dort eine russische Passagiermaschine nach einem IS-Anschlag abgestürzt war. Der russische Reiseveranstalter Natalie Tours verkauft bereits keine Reisen in die Türkei mehr.

Gefahr für die türkische Tourismusindustrie

In der Türkei ist es jetzt im Spätherbst eher ruhig in den Reiseorten: Dort würden sich derzeit nur etwa 10 000 Urlauber aus Russland aufhalten, schätzt der Tourismusverband in Moskau. Im vorigen Jahr kamen insgesamt 4,5 Millionen russische Urlauber, vor allem an die Küste der türkischen Riviera. Sollten russische Urlauber der Reisewarnung ihres Außenministers in großer Zahl folgen, hätte dies gravierende Auswirkungen auf die Tourismusindustrie in der Türkei. Deren beispiellose Erfolgsgeschichte könnte unterbrochen werden oder sogar ein abruptes Ende nehmen. Dies befürchten sowohl türkische Medien als auch deutsche Touristikfachleute. Die Türkei hatte sich in den vergangenen Jahren mit neugebauten komfortablen All-inclusive-Hotels als preisgünstige Alternative zu den klassischen Mittelmeer-Zielen Spanien, Italien und Griechenland positioniert. Zumindest mit den kräftigen Wachstumsraten dürfte es vorerst vorbei sein.

Denn für Russen und auch für Touristen aus anderen Ländern sind nicht mehr nur Sonne und Strand das entscheidende Kriterium für die Auswahl des Urlaubsortes. Die zu erwartende Sicherheit wird immer mehr ebenfalls zu einem Faktor im Wettbewerb der Reiseziele, hat sich gezeigt.

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Anschläge und politische Unruhen im Land

In der Türkei hatte es erst beim G-20-Gipfel Mitte Oktober eine Warnung der Sicherheitsbehörden vor IS-Anschlägen gegeben. Bereits im Frühsommer hatte das World Economic Forum die Türkei hinsichtlich der Sicherheit auf Rang 121 von 141 Ländern eingestuft. Anschläge und politische Unruhen im Südosten des Landes, aber auch in der Hauptstadt Ankara verstärkten diesen Eindruck schon vor der aktuellen Kontroverse mit Russland. "Insgesamt gibt die Türkei derzeit kein so glorreiches Bild ab", sagt ein führender deutscher Reisemanager.

Das Auswärtige Amt hat bislang keine offizielle Reisewarnung für die Türkei ausgegeben. Falls sie kommt, würden deutsche Reiseveranstalter ihre Gäste zurückholen und keine neuen mehr hinfliegen. Die nicht bindenden Reisehinweise des Amtes zur Türkei umfassen allerdings inzwischen sieben Seiten, und die Diplomaten raten bereits seit Längerem ausdrücklich von Reisen in das Grenzgebiet zu Syrien ab. Die bei Deutschen beliebten Urlaubsgebiete wie Antalya liegen gut 700 Kilometer entfernt.

"Rückbesinnung auf die Klassiker" in Deutschland

Reiseveranstalter berichten von einer zuletzt gesunkenen Nachfrage nach einem Türkei-Urlaub, verzeichnen aber bislang nicht mehr Stornierungen als im normalen Umfang. Der Studienreise-Spezialist Studiosus räumt allerdings bereits für das Jahr 2016 ein Recht auf kostenlose Umbuchung bis zu vier Wochen vor der Türkei-Reise ein. Ob nach den Russen auch die Deutschen sich für andere Urlaubsziele entscheiden werden, wird sich erst Anfang kommenden Jahres herausstellen. Dann nämlich, wenn viele Menschen ihren Sommerurlaub buchen werden.

Verheerend

Die islamistischen Anschläge von Paris haben verheerende Auswirkungen auf das Gastgewerbe der Stadt: In der ersten vollen Woche nach den Attentaten brach die Auslastungsquote der Hotels um 24 Prozentpunkte ein, so das städtische Tourismusbüro. Damit sind die Terrorfolgen deutlich heftiger als nach den Attentaten vom Januar. Damals sank die Auslastung nur um etwa fünf Punkte gegenüber der Vergleichswoche des Vorjahres.

Die Zahl der weltweiten Buchungen von Paris-Flügen lag vergangene Woche um 27 Prozent unter Vorjahreswert. Vor allem Amerikaner, Chinesen, Spanier und Italiener meiden die Stadt. Frankreichs Regierung diskutierte am Mittwoch Hilfen für Pariser Tourismusfirmen. Zugleich erklärte Wirtschaftsminister Emmanuel Macron, die Lage der Branche bessere sich schon allmählich. Leo Klimm

Wegen politischer Unruhen und terroristischer Anschläge kommen in diesem Jahr für Ferienreisende etliche Länder rund ums Mittelmeer nicht mehr in die engere Auswahl für den Familienurlaub: Tunesien, Ägypten - und nun die Türkei. Der Deutsche Reiseverband beobachtet eine "Rückbesinnung auf die Klassiker", die Länder weiter westlich im Mittelmeer: also Spanien, Italien und Portugal. Aber auch Griechenland habe aufgeholt. Eine DRV-Sprecherin macht derzeit selbst der Türkei noch Hoffnung, "wenn die anderen Möglichkeiten ausgebucht sind".

Für die Russen war das preiswerteste Urlaubsland bislang Ägypten. Es sei bis zu einem Drittel günstiger gewesen als die Türkei, erklärte Dmitri Gorin vom Verband der russischen Reiseveranstalter.

Russen leiden unter Wirtschaftsschwäche und Rubel-Verfall

Immer weniger Russen konnten sich zuletzt einen Auslandsurlaub leisten. Die Reallöhne sind um rund 13 Prozent gesunken, auch die schwache russische Währung machte Auslandsreisen teuer. Nach dem Willen der russischen Tourismusbehörde Rostourism sollte ohnehin weniger im Ausland und mehr im Inland konsumiert werden, damit diese Finanzmittel für die eigene Wirtschaft arbeiten. Aus diesen Gründen waren 2015 bereits vor dem Abschuss des Militärjets ein Fünftel weniger Russen in die Türkei gereist als früher. Die türkische Regierung reagierte darauf und subventionierte Ferienflieger aus Russland.

Vorige Woche noch hofften türkische Touristiker, dass nach dem Absturz auf der Sinai-Halbinsel nun mehr Russen ihren Winterurlaub statt in Ägypten an der türkischen Südküste verbringen würden.

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