Ein Kommentar Karl-Heinz Büschemann

Der Fall Siemens belegt, dass das Ansehen der Top-Manager nie so schlecht war wie heute. Nur durch Transparenz können die Wirtschaftsführer die Spannungen begrenzen, die mit der Globalisierung unweigerlich eingetreten sind.

Diesmal ist es Siemens. Mitarbeiter, Medien und Politiker beschimpfen den Münchner Elektronikkonzern, weil er seinem Vorstand die Millionengehälter um 30 Prozent erhöhte und sich ein paar Tage später herausstellte, dass die 3000 deutschen Mitarbeiter in der ehemaligen Handy-Sparte des Konzerns vor dem Nichts stehen. Der neue Besitzer aus Taiwan ist pleite, an den Siemens das verlustreiche Geschäft vor einem Jahr dankbar weitergereicht hatte, zusammen mit mehr als 400 Millionen Euro.

In Erklärungsnöten: Siemens-Chef Klaus Kleinfeld. (© Foto: Reuters)

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Wieder stehen die Manager am Pranger, die selbst besser verdienen denn je, aber nichts für ihre Mitarbeiter tun. Kanzlerin Angela Merkel fühlt sich aufgerufen, Siemens zur Raison zu rufen: ,,Die Verantwortung muss wahrgenommen werden,'' sagt sie. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber bestellt den Siemens-Chef ein, Nordrhein-Westfalens Landesherr Jürgen Rüttgers spricht von einer ,,Riesensauerei''.

Allianz-Chef erst kürzlich gescholten

Wir haben es immer gewusst, sagen sich manche Bürger. Kürzlich erst wurde der Chef des Allianz-Konzerns dafür gescholten, dass er fast gleichzeitig Rekordgewinne und den Abbau von 10.000 Arbeitsplätzen bekannt gab.

Noch ist in frischer Erinnerung, dass sich bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone Anfang 2000 ausscheidende Manager mit zweistelligen Millionenabfindungen bedachten und das normal fanden. Nie war das Ansehen der Top-Manager so schlecht wie heute.

Wahrscheinlich waren die Unternehmensführer früher auch nicht besser. Auch in der Vergangenheit gab es gute Chefs und schlechte, vorbildliche wie dubiose. Damals traten Unternehmer in Karikaturen als Figuren auf, deren Bäuche so dick waren wie ihre Zigarren.

Früher gab es weniger Probleme

Trotzdem hatten sie mit der Gesellschaft weniger Probleme. Noch in den achtziger Jahre konnten sich die meisten Deutschen vor Arbeitslosigkeit sicher fühlen. Was die Vorstände trieben, war dem Normalbürger egal.

Heute sieht die Welt anders aus. Die Globalisierung setzt Unternehmen und ihre Mitarbeiter der Konkurrenz des Weltmarktes aus. Viele Menschen verlieren ihre Arbeit, Fabriken wandern ins Ausland aus - die Angst vor der Zukunft geht um.

Viele müssen mit weniger Geld auskommen, das Heer der Hartz-IV-Empfänger wächst, und die Behauptung der Manager, die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland sichere die Beschäftigung zu Hause, wirkt auf diejenigen, die ihren Job verloren haben, wie Hohn.

Glaubwürdigkeitskrise

Mancher führt die Wahlerfolge der Rechtsradikalen auf die wachsende Unzufriedenheit der Menschen zurück, die weder ihren Politikern noch den Spitzenkräften der Wirtschaft vertrauen. Ausgerechnet ein Manager, der Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, warnt vor den Folgen dieser Glaubwürdigkeitskrise. Die Entwicklung könne dazu führen, ,,dass unsere ganze Gesellschaft instabil wird.''

Den Menschen kommt zunehmend das Vertrauen in Marktwirtschaft und Demokratie abhanden, und die Spitzenmanager sind dafür mitverantwortlich. Sie scheinen ihre gesellschaftliche Umwelt kaum noch wahrzunehmen, halten sie möglicherweise für unwichtig, selbst wenn sie Hunderttausende Mitarbeiter haben.

Die Kluft wächst

Sie glauben, sie würden allein dafür bezahlt, den Gewinn im nächsten Quartal zu erhöhen. Die Kluft zwischen den Konzernführern und der Gesellschaft wächst, je mehr die Vorstände damit drohen, mit ihren Fabriken ins Ausland abzuwandern.

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