Thyssen-Krupp Zusammen stark

Thyssen-Krupp Konzernchef Heinrich Hiesinger hat für eine neue Kultur gesorgt. Und er hat nun schon in zwei Geschäftsjahren Gewinne geliefert.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Es lief schon schlechter bei Thyssen-Krupp. Trotzdem nörgeln die Aktionäre herum. Und so muss sich der Konzernchef einer heiklen Frage stellen.

Von Varinia Bernau, Bochum

Heinrich Hiesinger, 55, hat den Aktionären von Thyssen-Krupp schon unangenehmere Dinge erklären müssen. Zu Bestechungsvorwürfen, Preisabsprachen und Fehlinvestitionen, vor allem in einem Stahlwerk in Brasilien, musste der Konzernchef auf den Hauptversammlungen Stellung beziehen. Gemessen daran geht es an diesem Freitag bei dem Aktionärstreffen in einem Kongresszentrum in Bochum geradezu gemütlich zu.

Denn Hiesinger, der vor fünf Jahren von Siemens an die Spitze des Traditionskonzerns im Ruhrgebiet gewechselt ist, hat das Unternehmen, das damals am Rand des Ruins stand, wieder zurück in die schwarzen Zahlen gebracht. Ruhig, aber bestimmt hat er aufgeräumt - auch mit den alten Privilegien und jener patriarchalischen Kultur, die den Konzern von innen heraus zu zerfressen drohte. Hiesinger hat für eine neue Kultur gesorgt. Und er hat nun schon in zwei Geschäftsjahren Gewinne geliefert, zuletzt das selbst gesetzte Ziel der Einsparungen übertroffen. Er hat die Schulden gesenkt und es im abgelaufenen Jahr zum ersten Mal seit neun Jahren geschafft, dass der Konzern mehr Geld eingenommen als ausgegeben hat. "Applaudieren Sie dem Konzernvorstand ruhig einmal", ruft ein Aktionärsschützer am Morgen in den Saal. Und Hiesinger bekommt ihn dann auch, den Applaus.

Alles gut also? Mitnichten. Denn die Erfolge haben Erwartungen geweckt - zum Beispiel die, dass weitere Erfolge folgen. Möglichst schnell.

"Nichts wäre gefährlicher, als sich auf dem bisher Erreichten auszuruhen und auf halber Strecke stehen zu bleiben", sagt Ingo Speich von der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Auch er lobt Hiesingers Einsatz, aber er betont: "Der Umbau von Thyssen-Krupp muss weitergehen." Speich spricht für mehr als vier Millionen Anleger. Und er stellt für sie auch jene Frage, der sich Hiesinger immer mal wieder stellen muss: "Wäre es nicht sinnvoller, sich von einzelnen Sparten oder Geschäftsfeldern zu trennen?" Analysten bewerten die Summe der einzelnen Teile von Thyssen-Krupp deutlich höher als den Wert des gesamten Konzerns. Um etwa 70 Prozent höher, so Speich, bei konservativer Rechnung. Einzelne Sparten müssten deshalb auf den Prüfstand gestellt werden. "Es darf dabei keine Denkverbote und Tabus geben."

Viele Investoren haben dem Konzern bereits das Vertrauen entzogen

Hiesinger aber erteilt der Forderung nach einer Aufspaltung eine klare Absage. Der Manager ahnt, dass schwierige Zeiten nahen. Für das laufende Jahr hat der Konzern einen Gewinn von 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro angepeilt. Die Spanne ist so groß wie die Unsicherheiten. Schlimmstenfalls würde der Gewinn im Vergleich zum Vorjahr sinken. Viele Investoren haben dem Konzern bereits das Vertrauen entzogen: Der Kurs ist im Laufe des vergangenen Jahres um fast 16 Prozent gesunken.

Der Abschwung in China hat dazu geführt, dass die dortigen Hütten, staatlich subventioniert, mehr Stahl produzieren als gebraucht wird. Zu Dumpingpreisen exportieren sie diesen nach Europa - und setzen die hiesigen Hütten unter Druck. "Die Lage der europäischen Stahlindustrie ist in der Tat besorgniserregend", sagt Hiesinger. Hinzu kommen verschärfte Klimaschutzauflagen: Die EU will die Verschmutzungsrechte, wie sie die Schwerindustrie mit ihrem hohen Ausstoß klimaschädlichen Kohlendioxids benötigt, verteuern. "Allein Thyssen-Krupp hätte in der Zeit von 2021 bis 2030 eine Mehrbelastung von 1,9 bis drei Milliarden Euro. Das ist eine Dimension, die wir schlichtweg nicht stemmen können", sagt Hiesinger. Stahl aus Europa sei dann auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig.

Deshalb braucht Thyssen-Krupp neben dem Stahlgeschäft, das etwa ein Drittel zum Konzernumsatz beiträgt, seine anderen Standbeine: Aufzüge zum Beispiel, wie sie im One World Trade Center in New York verbaut wurden, oder Lenksysteme, wie sie etwa in jedem vierten Auto weltweit stecken. Diese Filetstücke des Konzerns will Hiesinger nicht leichtfertig anderen zum Fraß vorwerfen. Schließlich würde er dem Konzern so die Möglichkeit zum Wandel nehmen. Und nicht nur das.

Nur dadurch, dass Thyssen-Krupp ein integrierter Konzern sei, betont Hiesinger, seien so Einsparungen möglich gewesen. Und vor allem: "Die Innovationen entstehen an den Schnittstellen verschiedener Bereiche." Bei Thyssen-Krupp, sagt Hiesinger, forsche man über die Grenzen von Branchen hinweg. Vernetzung also statt Silodenken.

Thyssen-Krupp soll ein Mischkonzern bleiben. Dieses klare Bekenntnis dürfte auch ein Signal an Jens Tischendorf sein. Der Mann sitzt zum ersten Mal auf dem Podium des Kongresszentrums, ein paar Meter entfernt von Hiesinger. Vor einem Jahr wurde er als Vertreter des schwedischen Finanzinvestors Cevian in den Aufsichtsrat gewählt. Cevian hält 15 Prozent der Thyssen-Krupp-Anteile und ist nach der Krupp-Stiftung der zweitgrößte Aktionär. Bei Bilfinger, ein weiterer deutscher Mischkonzern, an dem Cevian beteiligt ist, prüfen sie gerade den Verkauf einzelner Sparten.