Thomas Sattelberger über VW "Die Sowjetunion hat auch lange funktioniert"

Volkswagen als autoritäres Regime: Ex-Manager Thomas Sattelberger diagnostiziert bei VW Innovationsarmut, Despotismus - und eine "Fäulnis der Kultur".

Interview von Alexander Hagelüken

Thomas Sattelberger, 66, war Personalvorstand bei Continental und der Telekom. Er gab den Band "Das demokratische Unternehmen" mit heraus, der als Managementbuch des Jahres 2015 ausgezeichnet wird.

SZ: Herr Sattelberger, ist Volkswagen ein abschreckendes Beispiel für zu strikte Hierarchien und Befehlskultur, die einem Konzern letztlich schaden?

Thomas Sattelberger: Die Hierarchie war bei VW nur das Mittel zur Durchsetzung des Despotismus. VW steht für ein autoritäres Regime. Das wissen doch alle, die mit der Firma zu tun haben. Der Konzern hat seine Skandale der vergangenen zwei Jahrzehnte nie richtig aufgearbeitet. Von der Affäre um Industriespionage durch Einkaufsvorstand Ignacio Lopez über die Lustreisen der Betriebsräte bis zu den Zwielichtigkeiten um die Übernahme von Porsche oder den Druck auf Lieferanten, den Konzernklub VfL Wolfsburg zu sponsern. Das hat mit Hierarchien nur bedingt zu tun, eher mit einer Fäulnis der Kultur.

Fäulnis? Das klingt ja literarisch.

Ich meine damit Effizienzfanatismus ohne innere Werte. Vom Eigentümer Ferdinand Piëch und seinem Getreuen Martin Winterkorn getrieben, gaben die Vorstände den Margen- und Umsatzdruck voll in die Organisation weiter. VW ist kein Einzelfall. Diese Kultur sehen sie bei einem beträchtlichen Teil der deutschen Konzerne, nur dass da die Börse der Treiber ist. Sie haben es bei der Deutschen Bank gesehen, beim Versicherer Ergo unter Thorsten Oletzky. Es gab diese Befehl- und Gehorsamskultur bei Thyssen-Krupp vor dem Amtsantritt von Heinrich Hiesinger und es gibt sie bei Siemens. Da mussten schon früher die Bereichsvorstände antanzen und wer zuerst drankam, hatte die Arschkarte.

Was löst das bei den Unternehmen aus?

Bei diesem Effizienzfanatismus können Manager teils gar nicht anders, als in Grauzonen zu operieren oder illegal zu handeln. Das war vor VW doch schon bei den illegalen Geschäften der Deutschen Bank zu beobachten oder beim Schienenkartell von Thyssen-Krupp. Wer eins und eins zusammenzählen kann, erkennt ein Muster.

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Der neue Vorstandschef Matthias Müller kündigt einen Kulturwandel an.

Den Spruch 'Wir starten eine neue Kultur' habe ich in meinem Berufsleben schon x-mal gehört (stöhnt). Echte Kulturveränderung bedeutet zuallererst radikalen Austausch. VW aber beruft mit Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötzsch zwei langjährige Manager. Man kann doch nicht die Mittäter des alten Systems zu Reformern machen. Und es bedarf auch eines Neuanfangs auf der Arbeitnehmerseite: Einen Betriebsrat, der nicht inzestuös co-managt. Eine gute Mitbestimmungskultur würde Prüfung und Balance hervorbringen. Der bisherige Betriebsratschef Bernd Osterloh dagegen ist doch ein Schattenvorstandschef und ebenfalls ein Einpeitscher.

Sie sind schon sehr absolut. Wie gelingt denn ein Kulturwandel?

Es müssen die alten Seilschaften aufgebrochen werden, in denen einer wie der neue Oberkontrolleur Pötsch hängt. Dann müssen die Systeme der Zielsetzung, Beförderung, Vergütung und die Privilegien radikal überprüft werden. Es heißt ja, dass Manager die Firmenflieger privat nutzen durften. Am Ende muss das Führungstraining auf den Kopf gestellt werden, um offene Reflexion und Selbstkritik zu erreichen.

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Und welches Personal wird für einen Kulturwandel gebraucht?

VW erzeugt mit seinen Rekrutierungen und Beförderungen Klone. Mir sagte ein junger VW-Ingenieur, er hätte als Erstes das Gewerkschaftsbuch unterschreiben müssen. So bricht man ideologisch das Genick. Man kommt nur durch Wohlverhalten nach oben. Eine gute Firma fördert Querdenker und Einsteiger. VW hat eine Geschichte der Abstoßung von Quereinsteigern, von Daniel Goeudevert über Bernd Pischetsrieder bis Wolfgang Bernhard. Jetzt haben sie zwei neue Vorstände von außen, mal sehen, wie lang die überleben.

Sind Sie nicht ein bisschen zu negativ? VW hat geschäftlich doch lange funktioniert.

Die Sowjetunion hat auch lange funktioniert! Das ist doch kein Argument, dass VW als Geldmaschine funktioniert hat. Sie haben den letzten Euro aus jedem Geschäft gepresst, aber auf Dauer werden ihnen die mangelnden Innovationen zum Verhängnis. Was Technologie jenseits des Verbrennungsmotors betrifft, ist VW der innovationsärmste deutsche Autokonzern. Innovation ist kein Zufall, sie kommt aus offener Unternehmenskultur, aus Kreativität und Souveränität der Mitarbeiter. So wie bei BMW das Elektroauto i3 gegen Widerstände von Interessengruppen und Seilschaften entstand. Da hat VW viel aufzuholen.

Was können andere Firmen aus der VW-Affäre lernen?

Jede Firma sollte sich fragen: Haben wir ein Frühsensorium für Fehlentwicklungen? VW hatte das nicht. Sie haben die ganze Gesellschaft betrogen, Kunden, Finanzämter. Eine Firma sollte Widerspruch und Whistleblower wertschätzen, nicht unterdrücken. Dass VW übrigens erst jetzt einen Compliance-Vorstand beruft, zeugt davon, dass sie sich für unfehlbar hielten.

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