Theologe Küng ruft Wirtschaftsethos aus Ungeahnte Relevanz

Die Finanzkrise verleiht dem Theologen Hans Küng unvermutetes Gewicht. Sein neuer Wirtschaftsethos, den er vor der UN verkündete, fand prominente Unterstützer aus allen Lagern.

Von Dagmar Deckstein

Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Unternehmern um den Tübinger Theologen Hans Küng hat sich am Dienstag vor den Vereinten Nationen in New York für einen weltweit gültigen Wirtschaftsethos stark gemacht. Sie will damit einen globalen Diskurs über ethisches Wirtschaften beginnen, um künftigen Krisen vorzubeugen.

Schon in seinem "Projekt Weltethos", das Küng 1990 vorgelegt hatte und das vom Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago verabschiedet wurde, hatte der Tübinger Theologe und heutige Präsident der Stiftung Weltethos auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen Werterahmens für die globalisierte Welt aufmerksam gemacht. Und er warnte schon früh vor den Gefahren, die ein instabiles Weltfinanzsystem ohne Grenzen, Hemmungen und Regelungen birgt.

Unter Federführung des Konstanzer Professors für Wirtschaftsethik, Josef Wieland, wurden nun Grundlinien für ein globales Wirtschaftsethos erarbeitet. Sie sollen einen ebenso verbindlichen und weltweit anerkannten Charakter gewinnen wie die 1948 von den Vereinten Nationen (UN) proklamierten und inzwischen global anerkannten Menschenrechte und Menschenpflichten.

An den Prinzipien der Humanität ausgerichtet

Es geht um Werte, die, so Küng, "alle Menschen weltweit anerkennen können". So soll sich wirtschaftliches Handeln an den Prinzipien und Grundwerten der Humanität ausrichten sowie an denen der Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Solidarität, Wahrhaftigkeit und Toleranz sowie gegenseitiger Achtung und Partnerschaft.

"Die Erklärung nimmt die Gesetzlichkeiten von Markt und Wettbewerb ernst, will sie aber zum Wohl aller auf eine ethische Grundlage stellen", sagte Küng. Das lange geplante Projekt habe in den vergangenen Monaten eine ungeahnte Relevanz bekommen.

"Gerade die Erfahrungen in der Wirtschaftskrise unterstreichen die Notwendigkeit international akzeptierter ethischer Prinzipien und moralischer Standards für den Geschäftsalltag". Jetzt zeige sich besonders deutlich, dass die Globalisierung nur dann zu Wohlstand führe, wenn sich alle Menschen grundsätzlich aufeinander verlassen könnten.

Vorbilder wichtig

Zwar dürfe jeder Mensch seine wirtschaftlichen Eigeninteressen verfolgen - allerdings müsse es ethische Rahmenbedingungen geben, die allgemein als gerecht akzeptiert würden, sagte Küng. "Die Vorstellungen von Recht, Gerechtigkeit und Fairness bauen auf moralischen Prinzipien und Werten auf, die seit alters her von allen Kulturen geteilt werden", so der 81-Jährige.

Genau wie die Weltethos-Erklärung vor 16 Jahren könne die Wirtschaftsethoserklärung deshalb "von allen Menschen mit ethischen Überzeugungen, religiös begründet oder nicht, mitgetragen werden". Die Verantwortung für die Umsetzung des Wirtschaftsethos liege allerdings bei jedem Unternehmer, Investor, Kreditgeber, Mitarbeiter und Konsumenten selbst.

Der Wirtschaftsethiker Wieland fügt hinzu, dass sich eine solche Initiative nur durch Vorbilder verbreitern lasse nach dem Motto "wenn dieser Konzernchef für die ethischen Prinzipien einsteht, dann mache ich das auch." Mitgearbeitet am Wirtschaftsethik-Manifest haben bisher drei Unternehmer.

Prominente Unterzeichner

Zu ihnen zählen Hermut Kormann, der frühere Chef des Heidenheimer Maschinen- und Anlagenbauers Voith, Wolfram Freudenberg, der Sprecher der Freudenberg-Familie, der die gleichnamige Unternehmensgruppe in Weinheim gehört, und der Gründer von Putzmeister, dem Weltmarktführer für Betonpumpen, Karl Schlecht.

Zu den Erstunterzeichnern der Erklärung gehören neben anderen Michel Camdessus, der frühere Präsident der französischen Zentralbank, die frühere Staatspräsidentin Irlands und UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und der US-Ökonom Jeffrey Sachs.