Textildiscounter C&A "Für Führer, Volk und Vaterland"

Die Textilkette C&A und die Eignerfamilie Brenninkmeyer haben die Firmengeschichte untersuchen lassen - mit erstaunlicher Offenheit. Im Dritten Reich drangsalierte das Unternehmen Juden und warb für die Nazipartei.

Von Walter Pellinghausen

Halb ehrfurchtsvoll, halb spöttisch nennen Bewohner im Tecklenburger Land die 12.000-Seelen-Gemeinde Mettingen "St. Brenninkmeyer". Etliche Straßen des Dorfes in Nordrhein-Westfalen tragen Namen mit christlichem Bezug wie Mariengrund oder Bischofstraße. Oder sie führen schlicht Namen von Heiligen im Schilde: Clemensstraße, Georgstraße und Josefstraße. Speziell entlang der Bischofstraße reihen sich, hinter blickdichtem Busch- und Blattwerk, pompöse Landsitze aneinander mit verwirrenden Bezeichnungen: Gelbhaus, Grünhaus, Potschoppen, Tielshaus, Haus Gockel oder Schloss. Einen prunkvollen Marienhof gab es in der Mettinger Bischofstraße schon, bevor die ARD eine gleichnamige Seifenoper ins Vorabendprogramm hob.

Mit Hilfe der Geheimsprache

In den Residenzen logieren Nachkommen der fünften und sechsten Generation der Brüder Clemens und August (C&A) Brenninkmeyer, Pionieren des Textilhandels. Das Haus Gloria geht zurück auf den 1925 verstorbenen Gründersohn Georg Brenninkmeyer, dessen Urenkel Joseph Brenninkmeyer heute die lokalen Domänen einschließlich Dutzender Grabstätten der Sippe auf den Mettinger Friedhöfen hütet. Zudem waltet er als Hausherr der sogenannten Draiflessen Collection, des familieneigenen Veranstaltungszentrums.

Draiflessen entstammt der Geheimsprache der Gründergeneration, der Tüöttensprache der westfälischen Wanderhändler: Drai steht für die Zahl Drei und erinnert an Dreifaltigkeit und Glaube. Flessen wiederum bedeutet Flachs, auch Flachsland/Leinenland, und versinnbildlicht Heimat und Ursprung des Textilhändlers C&A mit heute fast 1500 Filialen in Europa, knapp 6,6 Milliarden Euro Umsatz, davon drei Milliarden Euro allein in Deutschland, und wachsender Präsenz in Südamerika und im Fernen Osten.

In der Begegnungsstätte Draiflessen gewährt die Draiflessen Collection von diesem Samstag an bis zum 8. Januar 2012 tiefe Einblicke ins Firmen- und Familienarchiv. Die Ausstellung "C&A zieht an!" will "Impressionen einer 100-jährigen Unternehmensgeschichte" vermitteln - und eröffnet auch intime Einblicke ins Geschäftsgebaren während der Nazizeit. Dabei war Publizität lange verpönt, Firmendaten hielt C&A unter Verschluss. Bis in die 1990er Jahre hinein nannte die Düsseldorfer Zentrale nicht einmal die Zahl der C&A-Filialen. Erst dann begann eine zunehmende Öffnung nach außen. In den Fachwerkholzbalken am Rathaus in Mettingen hatten die Brenninkmeyers ein spezielles Glaubensbekenntnis schnitzen lassen: "Gesteh' kein Sünd ans Hausgesind." Das galt auch für die Nazizeit.

Wegen ihrer ausnahmslos niederländischen Staatsbürgerschaften und des gelebten Bekenntnisses zum katholischen Glauben - aus der Familie stammen Dutzende Priester und Ordensschwestern - galten die Brenninkmeyers im Münsterland lange Zeit als unbefleckt aus der Nazizeit hervorgegangen. Familienmitglieder durften sich, wenn sie nicht als Priester oder gar Bischof geweiht waren, mit katholischen Ehrentiteln schmücken wie "Ehrenkammerherr Seiner Heiligkeit des Papstes" oder "Kommandeur des Sankt-Gregorius-Ordens".

Spenden in Millionenhöhe

Umso erstaunlicher ist die uneingeschränkte Offenheit, mit der die Familie nun die Firmengeschichte aufarbeitet. Frank und frei räumt Clan-Repräsentant Joseph Brenninkmeyer in seinem Vorwort zum Ausstellungskatalog ein, dass "die Frage nach der Rolle unseres Familienunternehmens in der Zeit des Nationalsozialismus ein selbstverständlicher Teil der wissenschaftlichen Recherche" war. Was der Draiflessen-Historiker Kai Bosecker dabei aufspürte, habe die Familie weltweit "sehr betroffen" gemacht.

Die Großfamilie gab daher gerade grünes Licht, die Firmengeschichte vom Wirtschafts- und Sozialhistoriker Professor Mark Spoerer aus Regensburg lückenlos rekonstruieren zu lassen. Der Experte auch für die Zeit des Dritten Reiches soll eine unabhängige, umfassende Darstellung erarbeiten. Jedes Detail soll veröffentlicht und zugänglich gemacht werden.

Doch schon die aktuelle Ausstellung ist brisant genug: Sie enthält etwa Dokumente, die den Antisemitismus einzelner Familienmitglieder und ranghoher C&A-Geschäftsführer in den Provinzen des Deutschen Reiches dokumentieren. Archivalien decken große Geldflüsse in braune Kanäle auf.

Der Textilfilialist spendete während der NS-Zeit Millionen Reichsmark an die dubiose Winterhilfe der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt unter dem Patronat von Propagandaminister Joseph Goebbels, schenkte Hitlers späterem Stellvertreter und Luftwaffenchef Hermann Göring mehrfach zu dessen Geburtstagen wertvolle Kunstwerke, zum Beispiel das Gemälde "Abendmahl Christi" von Lukas Cranach dem Älteren. Wenn es dem Verkaufsgeschäft nützte, zum Beispiel in Leipzig, warb C&A mit dem Siegel: "Rein arisch". Die Gemeindeverwaltung in Mettingen ließ sich nicht lumpen. Sie bescheinigte gerne die "rein arische Abstammung der Familie".

Billig. Immer schon

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