Textilbranche Mehr Pflichten für Prüfer

Der Textilhändler KiK wurde wegen der Arbeitsbedingungen in Asien kritisiert, nun will das Unternehmen die Prüffirmen in die Pflicht nehmen.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Der Textildiscounter Kik nimmt Auditunternehmen für Fabriken stärker in die Haftung. Sie sollen künftig für einen längeren Zeitraum für die von ihnen geprüften Zustände einstehen. Kritiker zweifeln allerdings an diesem neuen Konzept.

Von Caspar Dohmen, Bönen

An den Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken Asiens gibt es immer wieder Kritik. Die Antwort vieler Modefirmen und Händler besteht vor allem darin, dass sie sich freiwillige Regeln der Unternehmensverantwortung geben und ihren Geschäften mit Zulieferern zugrunde legen. Sie fußen oft auf den Internationalen Kernarbeitsnormen der ILO, wozu unter anderem das Verbot von Kinderarbeit, das Streikrecht oder menschenwürdige Arbeitsbedingungen gehören. Für die Kontrollen sind gewöhnlich Auditunternehmen zuständig. Sozialaudits gibt es seit 20 Jahren. Deren Qualität steht selbst heftig in der Kritik, weil es beispielsweise in diversen zertifizierten Fabriken zu schweren Unfällen kam.

Der Textildiscounter Kik, der mehrfach wegen unhaltbarer Zustände bei seinen Zulieferern in den Schlagzeilen war, nimmt seine Auditfirmen jetzt stärker in die Haftung, um die Qualität der Kontrollen zu verbessern. Die Prüffirmen sollen künftig für einen längeren Zeitraum für die Zustände einstehen, die sie attestiert haben. Mit mehreren Auditunternehmen seien entsprechende Vereinbarungen abgeschlossen worden, bestätigt Kik der SZ. Über die Details der Einigung schweigt die Firma und beruft sich auf die vereinbarte Vertraulichkeit.

Wesentlich offener zeigte sich Mitte Januar noch Ansgar Lohmann, Leiter des Bereichs Unternehmensverantwortung bei Kik. Es müsse doch der Grundsatz gelten, dass jeder für das einstehe, was er auch zu verantworten habe, und "da sitzen die Auditunternehmen unserer Meinung nach auch mit drin", sagte er damals. Da verhandelten die Juristen des Discounters schon seit Wochen mit denen der Auditfirmen. Ziel sei es, dass ein Auditunternehmen für einen fest vereinbarten Zeitraum für den Zustand in einer Fabrik gerade stehen solle, den es beim Audit bescheinigt habe, um die Qualität der Audits zu verbessern. Lohmann sprach von einem Haftungszeitraum von acht bis zwölf Wochen. Das Haftungsrisiko der Auditfirma solle, teils, durch eine Versicherung abgedeckt werden, so die Idee. Die Mehrkosten für die Prämien beim Auditunternehmen sollten wiederum aufgefangen werden, indem ein Auditunternehmen dann mehr Aufträge von Kik bekomme. Lohmann sprach von einer Vorreiterrolle von Kik bei dem Thema der Haftung.

Kritik an den Audits, einem Milliardengeschäft, gibt es schon lange, ob von Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftlern oder Gewerkschaften. Oft erfolgt die Überprüfung der Fabriken schlampig, bisweilen werden Zertifikate ohne Besichtigung der Fabrik verkauft, vor allem jedoch hat sich kaum etwas an den miserablen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten geändert. Endgültig erschüttert wurde das System der Sozialaudits in der Textilproduktion dann im April 2013 durch die Katastrophe von Rana Plaza in Bangladesch mit mehr als 1130 Toten. Denn sämtliche Fabriken in dem Komplex waren vorher von einer Prüffirma auditiert worden. Den Einsturz des Gebäudes hatte dies nicht verhindert. Auch Kik hatte in der Fabrik gefertigt. Bei solchen Unfällen sind die Auditunternehmen jedoch in der Haftungsfrage meist aus dem Schneider. "Sie sind überhaupt nicht in der Haftung dafür, ob die Berichte stimmen, die sie schreiben", kritisiert die Juristin Miriam Saage-Maaß, Koordinatorin des Programms Wirtschaft und Menschenrechte beim European Center for Constitutional and Human Rights. Den Audits zufolge hätte es in Rana Plaza beispielsweise keine Kinderarbeit geben dürfen. Tatsächlich waren unter den Toten jedoch Kinder.

Wer ein Auditunternehmen in die Haftung nehmen will, muss nachweisen, dass die Audits zum Zeitpunkt der Erstellung falsch waren, was so gut wie unmöglich ist. "Eine Haftung kommt heute so gut wie nie vor", gesteht Olaf Seiche ein, beim Tüv Rheinland zuständig für den Bereich Services. Das Unternehmen sieht für sich jedoch keinen Sinn darin, vertraglich längeren Haftungszeiträumen zuzustimmen, wie sie Kik vorsieht. "Wir würden uns auf einen solchen Vertrag nicht einlassen", sagt Seiche. Da müssten wir ja faktisch für den ganzen betreffenden Zeitraum jemanden abstellen, der die Fabrik kontrolliere, das sei praktisch nicht möglich. Auch andere Branchenexperten äußern sich skeptisch.

Von einem "halbherzigen Schritt" und einer "Verlagerung von Verantwortung auf das Auditunternehmen" spricht Gisela Burkhardt, Gründerin der Organisation Femnet, die bei der Kampagne für saubere Kleidung beteiligt ist. Andere Reformen hält sie für wesentlich wichtiger, um an den Verhältnissen in den Fabriken tatsächlich etwas zu ändern. Vor allem sollten die Prüfberichte der Sozialaudits transparent gemacht werden, besonders gegenüber Beschäftigten und Gewerkschaften. Nur sie seien dazu in der Lage, auf Widersprüche zwischen dem Arbeitsalltag in den Fabriken und Schilderungen der Audits hinzuweisen. Dann könnten die Audits entsprechend korrigiert und eventuell notwendige Maßnahmen umgesetzt werden.

Dass dies möglich ist, zeigt eine Vereinbarung über Gebäude- und Brandschutz in Bangladesch. Alle Prüfberichte der unabhängigen Kontrolleure zu dem Zustand der Fabriken wurden hier sogar ins Internet gestellt und sind damit für jeden einsehbar. Warum sollte, was für Gebäudesicherheit möglich ist, nicht auch bei Sozialaudits machbar sein?