Die Anschläge dämpfen Mumbais Ambitionen, ein großer internationaler Finanzplatz zu werden.
Die Vorbilder heißen Hongkong, Singapur und Dubai. Mumbai, die indische Handelsmetropole, Sitz der wichtigsten Börse im Land, des Bombay Stock Exchange, und der meisten großen Konzerne, hegt seit Jahren die Ambition, zu einem internationalen Finanzplatz zu avancieren. Zu einem großen, wichtigen und modernen Knotenpunkt - zu einer Drehscheibe in Asien.
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Vorbild Hongkong - Banker hinter einer Scheibe, in der sich die Börse von Mumbai spiegelt. (© Foto: Reuters)
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Es gibt Pläne dafür, detailliert ausformulierte. Alles will die Stadt daransetzen, damit sich Investoren aus dem Ausland wohl fühlen in Mumbai, damit möglichst viele multinationale Firmen einen Ableger in der Stadt einrichten. Die Bürokratie soll entschlackt, die Unternehmenssteuern sollen gesenkt werden.
Die schönen Träume werden gerade gewaltig erschüttert
Die Chancen auf Erfolg stünden gut, sagten die Promotoren stets, schließlich sei Indien einer der wichtigsten Wachstumsmärkte der Welt, gesegnet mit einem gigantischen Binnenmarkt, nur China stehe noch etwas besser da. Man übertreibe also nicht, wenn man der Wirtschaftsmetropole eine glorreiche Zukunft voraussage.
Die schönen Träume werden gerade gewaltig erschüttert - nicht erst seit der Serie koordinierter Terroranschläge. Die globale Finanzkrise hatte die Stimmung schon davor bedrückt. Einige der großen internationalen Geschäftsbanken bauen Stellen ab in Indien, die sie erst vor kurzem aufgebaut hatten.
Die Preise der Geschäftsimmobilien in Mumbais Zentrum, die davor weltweit zu den höchsten gehört hatten, sind wegen der plötzlich geschrumpften Nachfrage innerhalb weniger Monate um 20 Prozent gefallen. Doch es sind letztlich schon diese Anschläge, die das Vertrauen in den heranwachsenden Finanzplatz schwer beeinträchtigen könnten, zumindest kurzfristig.
Verluste für Hotel-Aktien
So schnell werden die Bilder wild und willkürlich herumschießender Terroristen im Zentrum der Stadt nicht weggehen. Auch die Erkenntnis nicht, dass die Angreifer gezielt nach westlichen Ausländern Ausschau gehalten und deren beliebteste Unterkünfte und Restaurants attackiert hatten.
Die Signale sind verheerend für das neue Image, das sich die Stadt so gerne gäbe. Und so war es erstaunlich, dass am Freitag, als an Mumbais Börse erstmals seit den Anschlägen wieder gehandelt wurde, der Leitindex nur wenig nachgab, zeitweise sogar etwas zulegte. Arge Verluste registrierten nur die Aktien der kotierten Hotelketten.
Ratan Tata, Chef der gleichnamigen Holding, des größten indischen Privatkonzerns, sagte: "Wir sind umgeben von diesen Gefahren, wir brauchen dringend Infrastrukturen, die dem Umfeld angepasst sind. Wenn wir diese nicht schnell aufbauen, werden die Bürger einem großen Sicherheitsmangel ausgesetzt bleiben."
Zur Geschäftsgruppe Tatas gehört das Taj Mahal Palace, eines der beiden Fünf-Sterne-Hotels, die sich die Terroristen für ihre Operation ausgesucht hatten. Es diente bisher vielen Großunternehmern, die Mumbai besuchten, als liebste Unterkunft. Die luxuriöse und ruhige Atmosphäre im "Taj", sein Innenhof mit Pool und Restaurants, ließ viele Handelsreisende die oft harsche Ankunft in der chaotischen Großstadt vergessen.
Für das "neue Mumbai" sind Auswege aus dem Chaos geplant, einige sind schon im Bau. Zum Beispiel eine achtspurige Brücke, die einen Bogen auf dem Meer macht und so zwei zentrale Stadtviertel auf der Halbinsel, Worli und Bandra, miteinander verbindet. Dank dieser Brücke soll der Fahrweg aus den nördlichen Vorstädten runter ins Geschäftszentrum um eineinhalb Stunden verkürzt werden.
Hier scheit das reale Indien weit entfernt
Eher unmöglich ist dagegen der Bau von Hoch- oder Untergrundbahnen, so eng ist das Häusergewirr in Downtown. Und es wird immer dichter. Hochhäuser wachsen aus dem Boden, dazu moderne Einkaufszentren mit allen bekannten Luxusmarken aus dem Westen, abgeschlossene Wohnsiedlungen für den gehobenen Mittelstand mit allen Annehmlichkeiten, in denen das reale Indien weit weg scheint. In diesen "Gated Communities" mieten sich auch die meisten ausländischen Großkonzerne ein. Dort sind Stromzufuhr und Internetverbindungen dank mehrerer Zulieferer doppelt und dreifach gesichert.
Doch dieser enthemmte Bau stellt die Urbanisten vor Probleme. So reicht beispielsweise der Wasserdruck heute schon kaum aus, um Wasser bis in das fünfte, sechste Stockwerk eines Wohnhauses zu pumpen. Und nun entstehen Wohnhäuser mit fünfzig, sechzig Etagen. Nicht durchdacht scheint auch die Problematik der Abfallentsorgung bei wachsender Bevölkerung. Doch neben dem Terror dieser Tage erscheinen solch alltägliche Probleme plötzlich sekundär.
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(SZ vom 29.11.2008/liv)
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