Telekommunikation Telekom trennt sich vom Telefonbuch

Heute kaum vorstellbar: Nicht einmal 100 Einträge hatte das Telefonbuch bei seiner Einführung im Jahr 1881.

(Foto: imago Stock&People)
  • Spätestens 2017 will die Deutsche Telekom das Telefonbuch an regionale Verlage verkaufen.
  • Die Auflage beträgt jedes Jahr etwa 100 Millionen.
Von Varinia Bernau

Am 14. Juli 1881 gab die Fernsprech-Vermittlungsanlage Berlin ein blaues Heft heraus. Unter dem nicht gerade eingängigen Namen "Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten" listete es knapp 100 Telefonbesitzer auf. Damals hielten viele Menschen die neue Telekommunikationstechnik eher für eine vorübergehende Modeerscheinung. Deshalb gab der Berliner Volksmund dem blauen Heft den spöttischen Namen "Das Buch der 99 Narren."

134 Jahre später hat sich nicht nur die Telekommunikation bewährt, sondern auch das Telefonbuch. Ja, es gibt durchaus noch Menschen, die ein Telefon zum Telefonieren nutzen. Die, ehe sie jemanden anrufen, nicht mal eben nach dessen Nummer googeln, sondern in einem Telefonbuch nachschlagen. In einem dieser dicken Wälzer also, die jedes Jahr wieder aktualisiert in Hausfluren oder Supermärkten zum Mitnehmen bereitliegen.

Bits und Bytes statt Telefonbuch

Wer welchen Anschluss hat, das weiß natürlich vor allem die Deutsche Telekom. Aber auch für den größten deutschen Anbieter ist Telefonieren fast schon zur Nebensache geworden. Statt banaler Gespräche transportiert der Bonner Konzern immer mehr Bits und Bytes durch seine Netze. So ist man dort nun also zu der Überzeugung gekommen, dass das Telefonbuch ebenso wie Das Örtliche und die Gelben Seiten "nicht zu den Bereichen gehören, auf die wir uns konzentrieren wollen", wie es ein Unternehmenssprecher ausdrückt.

Bislang hat die De Te Medien, deren Vorläufer 1924 gegründet wurde und die heute eine Tochter der Deutschen Telekom ist, die Adressen und Telefonnummern etwa 100 Partnerverlagen gegen Gebühr zur Verfügung gestellt. Die regionalen und mittelständisch geprägten Unternehmen haben Anzeigen dafür eingeworben - und das Telefonbuch dann gedruckt und ausgeliefert. Dieses Geschäft mit den dicken Wälzern, von denen einmal im Jahr etwa 100 Millionen Stück quer über die Republik verteilt werden, war für die Telekom nicht nur lukrativ, sondern auch ziemlich nervig: Die Verlage waren nämlich der Ansicht, dass die Telekom für die Nummern und Adressen viel zu viel Geld verlange. Der Streit zog sich über Jahre hin - und wurde sogar vor Gericht ausgetragen. Dem Vernehmen nach sollen die Verlage eine dreistellige Millionensumme gefordert haben.

Nummern und Adressen kommen weiterhin von der Telekom

Nun haben beide Seiten diesen Streit beigelegt. Spätestens 2017 will sich die Telekom von ihrer Tochter mit etwa 150 Mitarbeitern trennen. Dann können die Verlage übernehmen. Etwa 80 Verlagen gewährt die Telekom ein Vorkaufsrecht. Derzeit wird ausgelotet, ob auch die restlichen Partnerverlage noch mitziehen. Und natürlich wird auch wieder über den Preis verhandelt. Derzeit steht eine Summe von 100 Millionen Euro im Raum. Die Nummern und Adressen würde auch weiterhin die Telekom zu Verfügung stellen - gegen Gebühr.

Ende der Achtziger-, auch Anfang der Neunzigerjahre, als die Meldepflicht wegfiel, da wollten zwar immer weniger Menschen ihre Telefonnummer verraten. Doch schon um die Jahrtausendwende änderte sich dies wieder: Die Deutschen fürchten sich inzwischen mehr davor, dass Google ihr Haus fotografiert, als davor, dass sich nervige Call-Center-Betreiber melden, wenn man es sich gerade zum "Tatort" auf dem Sofa gemütlich gemacht hat.

Von den Deutschen, die älter als 55 Jahre sind, blättert immerhin noch jeder Dritte häufig und jeder Fünfte manchmal im Telefonbuch. So hat es kürzlich eine Umfrage des britischen Meinungsforschungsinstituts Yougov herausgefunden. Jüngere tun dies deutlich seltener. Ganz abschaffen will es trotzdem - über alle Altersgruppen hinweg - nur knapp jeder vierte Befragte.

Ode an das Telefonbuch Sind wir nicht alle ein bisschen retro?

Ach, gute alte Zeit, wo bist du hin? Als Twix noch Raider hieß und Pril-Blumen die Küchenkacheln zierten. Wenigstens das Telefonbuch hat überlebt. Doch was wirklich zählt, sind nicht die Nummern. Glosse