Telekom-Spitzelaffäre Verstrickt im Netz der Ledernacken

Die Bespitzelungsaffäre bei der Telekom zieht immer weitere Kreise - und Vorstandschef René Obermann muss sich fragen lassen, warum er so lange stillhielt.

Von Caspar Dohmen

Es ist der fünfte Tag in dieser unseligen Affäre, und René Obermann demonstriert ein Stück Normalität, dass es fast trotzig wirkt. Tags zuvor ist der Vorstand der Telekom zu einer Krisensitzung zusammengekommen, am Nachmittag muss Obermann dem Aufsichtsrat über die Spitzeleien berichten, doch zwischendurch eilt er in einen T-Punkt-Shop, plaudert mit dem Mitarbeiter dort, so wie er es früher regelmäßig getan hat, als er T-Mobile zum größten Mobilfunkanbieter in Deutschland ausbaute.

"Ich bin über die Vorwürfe zutiefst erschüttert": Spätestens im Sommer 2007 soll Vorstandsvorsitzender Obermann von den Vorgängen gewusst haben

(Foto: Foto: dpa)

Erst danach begrüßt er Metro-Chef Eckard Cordes und SAP-Chef Henning Kagermann, mit denen er an diesem Morgen den Pilotladen der Metro eröffnet. Und da ist er wieder, der strahlende, unbekümmerte Mann, der er bis vor 19 Monaten war.

Seither hat sich die Welt des René Obermann verändert, und Obermann selber auch. Vor 19 Monaten wurde er überraschend zum Nachfolger von Kai-Uwe Ricke ernannt, seitdem hat sich die Telekom stärker verändert als in den zwölf Jahren seit dem Börsengang 1996. Es gab den größten Arbeitskampf in der Geschichte des Unternehmens. Es gab die Dopingaffäre im gesponserten Radteam, den Musterprozess, in dem Zehntausende Kleinanleger auf Schadensersatz hoffen.

Und nun die Bespitzelungsaffäre, die alle bisherigen Krisen des Unternehmens in den Schatten stellt. Sie könnte nach Ansicht von Insidern noch einige Manager in den Abgrund reißen.

Doch an diesem Morgen im T-Punkt-Shop redet Obermann erstmal mit der Moderatorin der WDR-Kultserie "Zimmer frei", Christine Westermann. Es geht darum, wie sich das Handy beim Einkaufen nutzen lässt. Elektronische Einkaufsliste, das Zahlen mit mobilen Kleincomputern-dies sind die Themen, über die der Technikfreak gerne spricht.

Obermann ist braungebrannt, wirkt locker, ganz entspannt. Eineinhalb Stunden Zeit nimmt sich der 45-Jährige für den Termin in Tönisforst. Das Geschäft müsse weitergehen, bemerkt sein Berater. Die Metro sei schließlich ein wichtiger Kunde.

Täglich sickern in der Bespitzelungsaffäre neue Fakten und Verdächtigungen durch. Die Telekom soll sich Geheimdienstpraktiken bedient haben, um Aufsichtsräte und Journalisten auszuspähen. Sicherheitsexperten sollen Verbindungsdaten aus Telefongesprächen durchforstet haben, um Lecks im Unternehmen zu finden.

Sie sollen Bewegungsprofile erstellt und Bankdaten eingesehen haben. In eine Magazinredaktion soll ein Maulwurf eingeschleust worden sein. Es sei nicht einmal ausgeschlossen, dass auch Vertreter der Bundesregierung ausgeforscht wurden, sagt der Unionspolitiker Steffen Kampeter.

All das klingt ungeheuerlich. Schon fällt der Vergleich zwischen der Telekom- und der Spiegel-Affäre, bei der ein Bericht des Nachrichtenmagazins zur Bonner Verteidigungspolitik 1962 die Republik an den Rand einer Staatskrise gebracht hatte. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft unter anderem gegen den ehemaligen Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel, den früheren Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke und einige Mitarbeiter der Telekom.

Die Affäre dominiert seit vorletztem Samstag Obermanns Tagesablauf. Nach dem Termin bei der Metro eilt er nach Bonn zur Sondersitzung des Aufsichtsrates in der Konzernzentrale, wo das Gremium stundenlang diskutiert. Und Obermann ist selbst schon unter Beschuss geraten. So soll sein Büro Ende November 2006 eine Rechnung der kleinen Berliner Network Deutschland GmbH bezahlt haben, die für die Telekom den verbotenen Abgleich von Verbindungsdaten vorgenommen hatte.

Obermann war damals bereits einige Tage als Telekom-Chef im Amt, aber er sagt, er habe keine Kenntnis von dem Vorgang gehabt und verweist auf seinen vollen Terminkalender. In der Telekom vermuten manche, der Vorfall sei noch ein Überbleibsel aus der Zeit vor seinem Amtsantritt.