Telekom schließt Callcenter Ohne Anschluss

Arbeitsplätze sollen nicht wegfallen, doch die Telekom verlangt ihren Callcenter-Mitarbeitern viel ab: Fast jeder zweite der 18.000 Beschäftigten muss umziehen, pendeln oder kündigen.

Von C. Dohmen

Die Telekom will mehr als zwei Drittel ihrer Callcenter in Deutschland schließen. Aus 83 Gebäuden in 63 Städten werden 24 Gebäude in 24 Städten. Die Struktur der Telefonzentralen sei zu kleinteilig, zu den Maßnahmen gebe es keine Alternativen, sagte der zuständige Bereichsvorstand Thomas Berlemann am Donnerstag in Bonn.

Die Telekom will mehr als zwei Drittel ihrer Callcenter schließen.

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Künftig sollen statt bislang durchschnittlich 190 etwa 700 Mitarbeiter an einem Standort arbeiten. Das Unternehmen investiert dafür rund 70 Millionen Euro, eingespart werden jährlich 57 Millionen Euro. Die Telekom verweist auf erhebliche Kostennachteile bei Callcentern, die weniger als 250 Beschäftigte haben. Größere Büros mit 500 bis 1000 Beschäftigten seien deutlich wettbewerbsfähiger, erklärte Berlemann. Am Donnerstag informierte das Unternehmen die Betroffenen.

"Jeder Mitarbeiter wird einen gleichwertigen Arbeitsplatz in einem modernen Callcenter erhalten", sagte Berlemann, der keine Angaben darüber machte, wann die Mitarbeiter letztlich umziehen sollen. Die Umsetzung der Maßnahme werde sicher zwei Jahre dauern. Betroffen sind 8000 der 18.000 Mitarbeiter. Sie müssen künftig pendeln, umziehen oder eine Abfindung akzeptieren. Allerdings gibt es unterschiedliche Interpretationen von Unternehmen und Gewerkschaft darüber, was den Mitarbeitern als Entfernung zum künftigen Arbeitsplatz zugemutet werden kann.

Laut Verdi muss die Telekom für 1465 Mitarbeiter eine andere Lösung finden, weil ihnen ein Wechsel beispielsweise wegen einer zu langen Wegstrecke nicht zugemutet werden kann. Die Gewerkschaft befürchtet, dass es zu einem Verdrängungswettbewerb um Arbeitsplätze kommen könnte. Laut Telekom sei es gemäß geltendem Tarifvertrag zumutbar, dass ein Mitarbeiter für eine einfache Strecke zwei Stunden brauche. So müssen die Mitarbeiter beispielsweise demnächst von Meschede im Sauerland ins 77 Kilometer entfernte Dortmund pendeln. Viele dürften aber Schwierigkeiten haben, sich auf die neuen Arbeitsplätze einzulassen, sagte Wilhelm der Süddeutschen Zeitung: 60 Prozent der Betroffenen seien Frauen, viele familiär gebunden, 28 Prozent Teilzeitbeschäftigte und zehn Prozent Schwerbehinderte.

Kunden wandern ab

Wilhelm spricht er von einem strukturellen Kahlschlag. Er kündigte Widerstand gegen die geplanten Maßnahmen der Telekom an. Die Gewerkschaft wolle Politiker als Verbündete gewinnen.

Schon seit längerem legt die Telekom Callcenter zusammen oder verkauft sie, um die Kosten zu senken. Vor fünf Jahren gab es noch 120 Standorte. So gingen mehrere Telefonzentralen an die Firma Walter Service, auch der Konkurrent Arvato übernahm einige Standorte. Die verbliebenen Büros beschäftigen zwischen 40 und 70 Mitarbeiter. Mit gut 18.000 Beschäftigten gehört der Konzern zu den größten Arbeitgebern im Callcenter-Bereich, wo insgesamt etwa 450.000 Menschen in Deutschland arbeiten.

Der Ex-Monopolist verliert seit der Liberalisierung des Telefonmarkts ständig Kunden. "Tatsächlich arbeiten die Leute am Anschlag", sagt Wilhelm, der auch stellvertretender Aufsichtsratschef der betroffenen Telekom-Einheiten ist. Er verweist auf Probleme bei der Datenverarbeitung; es gebe bis heute Arbeitsrückstände. Doch größere Büros sind nicht automatisch wirtschaftlicher. "Dies ist abhängig vom Geschäftsmodell", sagt der Sprecher des Callcenter-Forums Deutschland (CCF). Es existiere kein direkter Zusammenhang zwischen Wirtschaftlichkeit und Anzahl der Mitarbeiter, sagt auch Patrick Tapp, Vizepräsident Verbraucherdialog beim Deutschen Dialog Marketing Verband. "Jeder Mitarbeiter bringt die gleiche Leistung, egal, ob in seinem Umfeld hundert oder 2000 Kollegen sitzen." Allerdings könnte Größe helfen, die Verwaltungskosten pro Kopf senken.

Kommunen protestieren

Die Telekom will ihren Plan trotz Protests von Kommunen und Gewerkschaften durchziehen. Außerdem will der Konzern 6000 Mitarbeiter, die in vier Netzcentern arbeiten, zum 1. Dezember in die Deutsche Telekom Netzwerke verlagern. Dort sollen sie für weniger Geld länger arbeiten. Auf die gleiche Weise wurden im Sommer 2007 etwa 50.000 Mitarbeiter in eine neue Servicegesellschaft ausgelagert. Telekom-Chef René Obermann setzte die Maßnahme trotz wochenlanger Streiks der Gewerkschaften durch. Diesen Teil habe man damals bewusst ausgespart, sagte der zuständige Bereichspersonalchef Dietmar Weslau.

Das Einsparvolumen für diesen Bereich nannte die Telekom nicht. Durch die Zusammenlegungen der Callcenter und die Auslagerung soll ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag eingespart werden. Weslau sagte, es gebe keine weitergehenden Stellenabbauprogramme bei der Telekom. Seit der Privatisierung vor zwölf Jahren hat das Unternehmen 120.000 Stellen gestrichen.