Von Marc Widmann

Maßgeschneiderte Firmenchroniken und personalisierte Romane liegen im Trend - jetzt geht auch Tchibo damit auf Kundenfang.

Es gibt gewaltige Bücher über Hitler, Mao und Stalin, ganze Romanserien, in denen sich Elfen, Indianer oder Ritter tummeln. Ein Werk über die eigene Frau, die Schwiegermutter oder den Arbeitskollegen suchte man im Handel allerdings vergebens.

Bei Tchibo gibt es jetzt Romane auf Bestellung Bild vergrößern

Einmal Protagonist sein - das kann man jetzt mit den personalisierten Romanen von Tchibo. (© Foto: ddp)

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Bislang. Denn nun ist dieserlei Literatur bei Tchibo zu erstehen. Zwischen Kunstfellmützen und Salzkristall-Leuchten thront das neueste Angebot in den Filialen: Dutzende orange Bestellformulare für den "Roman nach Ihren Vorgaben''.

Ein Krimi steht zur Auswahl, ein Jugendbuch und ein Liebesroman. Im letzteren Fall hat der Käufer fünf Rollen zu besetzen: Zwei Hauptfiguren, die sich nach harten Proben am Ende in den Armen liegen werden. Dazu den Nachbarn, laut Beschreibung ein "schwerer Alkoholiker'', oder einen Rechtsanwalt, welcher "der weiblichen Heldin erfolglos nachstellt''.

Namen, Haar- und Augenfarben der Figuren muss der Kunde angeben, zehn Tage später liegt das Werk "Intrigen um Callaghan Hall'' in seinem Briefkasten. Hinter der ungewöhnlichen Idee verbirgt sich ein stark wachsender Markt. Im Internet können Konsumenten längst Hemden oder Schuhe ordern, die speziell nach ihren Maßen gefertigt werden. Sogar das Müsli kann man sich individuell mischen lassen.

Seit einiger Zeit schwappt die Personalisierungs-Welle auch auf den Büchermarkt: Eine ganze Heerschar von Biographen steht für die persönliche Lebensgeschichte oder Firmenchronik parat. Drogerien bieten frei gestaltbare Fotobücher mit den eigenen Digitalbildern an. Und seit vier Jahren vertreibt die Münchner Firma Personalnovel im Internet bereits ihre personalisierten Bücher, ehe sie kürzlich die Anfrage von Tchibo bekam.

Hausfrauen und Studenten als Autoren

"Wir sehen ein sehr großes Potential im Markt'', sagt Firmengründer Jan-Christoph Goetze. Den Trend bemerkte er 2003. "Ich fand es ganz interessant, dass die Leute anfangen, sich selbst produzieren zu müssen'', sagt er. Damals war die digitale Drucktechnik längst so weit, auch Einzelexemplare von Büchern schnell und preiswert herstellen zu können. Also wechselte der Architekt den Job und wurde Verleger.

Goetzes erstes Buch war ein Liebesroman. "Die sind bis heute die Klassiker'', sagt er. Bei Titeln wie "Engel darf man nicht küssen'' können die Besteller wählen zwischen einer rassigen Variante, in der es detaillierter zur Sache geht, und einer lässigen.

70 Titel hat der Verlag mittlerweile im Angebot. "Für die ersten fünf Bücher haben wir nur Studenten und passionierte Hausfrauen als Autoren bekommen'', erzählt Goetze, "mittlerweile meldeten sich auch Schriftsteller größerer Verlage''.

Obwohl die Bücher personalisiert sind, haben Goetze und seine vier Mitarbeiter die Produktion längt automatisiert: Die Angaben der Kunden kommen digital über das Internet. Ein selbstentwickeltes Computerprogramm fügt sie in die Romantexte ein. Abends gehen die Vorlagen an die Druckerei in Schleswig-Holstein, ein paar Tage später werden sie verschickt.

Für Goetze sind die Bücher "wie ein Kostümfest, wo man in eine bessere Welt eintaucht''. Große Literatur verkauft der Verlag nicht, dafür "ein bisschen heile Welt'', wie es der Verleger formuliert: Einer seiner Kunden ließ einen Heiratsantrag in die Widmung drucken.

Für die Tchibo-Aktion hat Goetze die Zahl der persönlichen Angaben wie Namen oder Augenfarbe und die Seitenzahl der Bücher reduziert. Das Angebot sei "schon ein ziemlicher Kampfpreis'', sagt er. Auf Neugier stößt es dennoch: "Wir merken, es ist großes Interesse da'', sagt Tchibo-Sprecher Klaus Peter Nebel

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(SZ vom 23.10.2007)