Der Ton im Metall-Tarifstreit verschärft sich. Die Arbeitgeber wollen den Konflikt auf Bundesebene lösen - das empört die IG Metall. Jetzt drohen Streiks.
Nachdem die zweite Runde der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektro-Industrie in Baden-Württemberg am Mittwoch ergebnislos verlaufen ist, hat sich der Ton zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern weiter verschärft. "Taktisches Verzögerungsmanöver" wirft IG-Metall-Chef Berthold Huber dem Präsidenten des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser vor.
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Die IG Metall ist verärgert: Arbeitgeberverbände wollen die Lösung zum Tarifstreit auf Bundesebene suchen. (© Foto: ddp)
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Dieser hatte zuvor einen spektakulären Vorschlag gemacht: "Wir stellen uns vor, dass IG Metall und Gesamtmetall die Lösung der Tarifrunde auf der Bundesebene suchen", schreibt Kannegiesser in einem Brief an Huber, welcher der Süddeutschen Zeitung vorliegt.
Dieser Vorschlag ist außergewöhnlich, weil es in der Metall- und Elektro-Industrie Tradition ist, Tarifverhandlungen regional zu führen. Seit Jahren ist es üblich, dass die Tarifkommissionen in den sieben Bezirken getrennt verhandeln. Im Verlauf der Verhandlungen bildet sich dann ein Pilotbezirk heraus, dessen Abschluss bundesweit übertragen wird. Für die IG Metall ist dies ein demokratischer Prozess. Entsprechend verärgert äußerte sich Huber. Er sehe für ein Spitzengespräch zwischen IG Metall und Gesamtmetall keinen Anlass. "Es liegt nicht an den Verhandlungspartnern und den Aushandlungsmechanismen, sondern an dem fehlenden Angebot der Arbeitgeber, dass wir nicht weiterkommen."
Die Tarifverhandlungen für bundesweit 3,6 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektro-Industrie haben Anfang Oktober begonnen. Die IG Metall fordert acht Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber lehnen dies ab. Die ersten Tarifrunden in den Bezirken sind inzwischen beendet. Am Mittwoch gingen auch die Gespräche der zweiten Runde in Baden-Württemberg ergebnislos zu Ende und wurden auf den 30. Oktober vertagt. Die Friedenspflicht zwischen den Tarifparteien endet am 31.Oktober.
"Keine Verzögerungstaktik"
Üblicherweise legen die Arbeitgeber in der zweiten oder dritten Runde ein Angebot vor. Ein solches werde es nun erst in der dritten Runde geben, sagte Kannegiesser am Abend in Berlin. In welchem Tarifbezirk dieses vorgelegt werden soll, ließ er offen. Die Branche steuert nun auf Arbeitsniederlegungen zu. Es gebe kaum noch Chancen, ohne Streiks einen Tarifabschluss zu erreichen, sagte der baden-württembergische IG-Metall-Chef Jörg Hofmann nach der zweiten Runde. "Ich bedauere, dass wir heute wertvolle Zeit verloren haben."
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall sprach dagegen am Mittwochabend von einer "Ausnahmensituation". "In einigen Branchen brechen die Dinge buchstäblich weg", sagte Kannegiesser. Deswegen habe sich der Vorstand zum Angebot eines zentralen Metallgipfels entschlossen. "Das sollte keine Verzögerungstaktik sein, sondern ein konzertierter Sprung", sagte Kannegiesser. Deswegen sei die postwendende Ablehnung der IG Metall enttäuschend.
Kannegiesser hatte Huber in dem Brief weiter vorgeschlagen, dass Vertreter aller Tarifgebiete bei den Verhandlungen auf Bundesebene vertreten seien. "Eine konzentrierte gemeinsame Lösungssuche mit der aus den Regionen versammelten Kompetenz könnte am besten geeignet sein, die gegenseitigen Interessen auszugleichen", schreibt Kannegiesser. Ziel sei eine schnelle Lösung, um zu vermeiden, dass sich ein Tarifkonflikt hochschaukele.
In Deutschland werden die meisten Tarifgespräche regional geführt. Bei der Chemie-Industrie finden die ersten Runden traditionell in den Bezirken statt, um die regionalen Unterschiede in weiteren Runden zu berücksichtigen. Danach wird aber auf Bundesebene verhandelt. Eskalierende Konflikte sind zuletzt in der Chemie-Industrie ausgeblieben.
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(SZ vom 23.10.2008/ld)
Ich bin über holländische Tarifpolitik nicht mehr ganz auf dem Aktuellen aber ist das nicht, in Bezug auf deutsche Verhältnisse, ein Vergleich der noch mehr "hinkt" als der Vergleich von IG BCE und IG-Metall?
Meines Wissens ist in Holland vieles anders... da gehen die Arbeitgeber (im Regelfall) noch weit aus weniger "ökonomisch-radikal" vor als in Deutschland. Da werden noch VOR Massenentlassungen (bzw. der öffentlichen Ankündigung) die Betriebsräte und Gewerkschaften sogar von den Arbeitgebern!!! zu Verhandlungen eines Sozialplans an den Tisch geladen. In Deutschland muss oft die Belegschaft für Sozialplanverhandlungen erstmal die Arbeit niederlegen.
Ach ja... meines Wissens bezahlen die Arbeitgeber 50% der Mitgliedsbeiträge ihrer Arbeitnehmer an die Gewerkschaft ein.
Ja, in Holland sind sich die Arbeitgeber noch bewusst wie "nützlich" Gewerkschaften sein können... sei es nur um den sozialen Frieden zwischen "Menschen" und "Kapitalismus" zu währen. Hierzulande bekommt Mensch immer mehr den Eindruck dass immer mehr marktradikale Arbeitgeber die Gewerkschaften am Liebsten verbieten möchten und aus Profitgier jeden Blick für sozialen Frieden aus den Augen verliert. Da gründen Arbeitgeber mittlerweile sogar selber Gewerkschaften (Siemens, PIN etc), "nötigen" ihre Mitarbeiter zu Demonstrationen während BEZAHLTER Arbeitszeit um somit ihre Politik (welche keine Verbesserungen sondern Verschlechterungen für die Arbeitnehmer bringt) durchzusetzen.
In Teilen der Chemie hätten Streiks katastrophale Auswirkungen. Es dauert bei Großanlagen teilweise Wochen bis die Anlagen nach einem Stillstand wieder In-Spec laufen. Das wissen die Gewerkschaftler, das wissen auch die Arbeitgeber. Dieses Wissen sorgt zum einen für gute Abschlüsse seitens der Arbeitgeber, zum anderen wissen die Gewerkschaften, dass Sie den Bogen nicht überspannen dürfen. Im Fall einer tariflichen Abtrennung der Produktionsanlagen von restlicher Forschung/Dienstleistungschemie nach einem massiven Streik hätte auch die Gewerkschaft gar nichts in der Hand.
Vernunft gehört auf beide Seiten eines Tarifvertrags. Man sieht u.a. in Holland, dass eine gewissen Einigkeit und Fairness im Umgang langfristig für beide Seiten positive Folgen haben.
Es sollte nicht unbedingt die Chemie-Branche als Vergleich zu Tarifverhandlungen der IG-Metall herangezogen werden. So muss man nicht unbedingt ein Gewerkschaftsfreund oder -kenner sein um zu wissen dass die IG BCE wohl eher "untypische" Tarifverhandlungen für DGB-Gewerkschaften führt. Der letzte Streik der BCE ist dann doch mal mehr als 30 Jahre alt. Klar, streiken muss ja auch nicht immer sein. Aber wenn über 30 Jahre nicht mals mehr ein Warnstreik erfolgt und die Verhandlungen spätestens in der 2. Runde abgeschlossen sind (mit ordentlichen Ergebnissen auch für die Beschäftigten), dann sollte schon die Frage erlaubt sein: Warum bringen dann die IGMetall, Verdi etc. Arbeitgeber in den ersten 3 Verhandlungen noch nicht mal irgend ein Angebot auf den Tisch? Somit werden die anderen Gewerkschaften schließlich in Arbeitskampfmaßnahmen getrieben während die BCE nicht mal mit dem Säbel rasseln muss.