Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Wohlig warm ist es bei Vater Staat - und dennoch ist der Wunsch der Angestellten im öffentlichen Dienst nach mehr Geld gerechtfertigt.

Auf den ersten Blick hört sich die Forderung etwas verrückt an. Fünf Prozent mehr Lohn wollen die Gewerkschaften in der Tarifrunde mit Bund und Kommunen durchsetzen - dies bestätigt scheinbar alle Vorurteile über den öffentlichen Dienst. Dort arbeiten Leute, die keine Angst vor Kündigung zu haben brauchen, und jetzt wollen sie auch noch exorbitant mehr Geld. Sollten sich die Verhandlungsführer bei Verdi und Beamtenbund nicht an ihren Kollegen in den Industriegewerkschaften orientieren? Die gehen zum Teil ohne konkrete Forderung in die Verhandlungen, sondern wollen vor allem Arbeitsplätze retten.

Verdi, Foto: dpa

Verdi und der Beamtenbund fordern für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes fünf Prozent mehr Lohn. (© Foto: dpa)

Anzeige

Dabei ist es gerade der Vergleich zur Industrie, der die prozentuale Forderung rechtfertigt. Schlimm genug, dass die Metallindustrie derzeit einen Auftragsrückgang von knapp 30 Prozent hat - es reicht doch, dass darunter deren Beschäftigte leiden müssen. Niemandem wäre gedient, wenn jetzt deshalb die Krankenschwestern, Erzieher, Sachbearbeiter und Straßenwärter eine Nullrunde hinlegten, aus Solidarität sozusagen.

Des Kaisers Rock ist eng, aber warm; mit dieser Weisheit wird seit jeher gerne begründet, warum die Gehälter im öffentlichen Dienst relativ niedrig sind. Die Sicherheit des Jobs darf den Beschäftigten ruhig etwas wert sein; nur lagen in den vergangenen Jahren die Gehälter beim Staat nicht nur unterhalb derer in der Wirtschaft - sie sind auch viel langsamer gestiegen. Der Staat muss aber ein Interesse daran haben, im Wettbewerb um gute Arbeitnehmer konkurrenzfähig zu bleiben. Wenn also diesmal die Gehälter bei ihm stärker steigen würden als in der Wirtschaft: umso besser. Dass es keine fünf Prozent werden, wissen die Gewerkschaften selbst.

Leser empfehlen 

(SZ vom 16.12.2009/tob)