Von Stefan Braun und Detlef Esslinger

Ein flächendeckender Streik im öffentlichen Dienst ist abgewendet: Nach monatelangem Tarifstreit einigten sich Gewerkschaften und Arbeitgeber auf einen Abschluss für die Angestellten von Bund und Kommunen. Beide Seiten mussten zum Teil jedoch schmerzhafte Zugeständnisse machen.

Im öffentlichen Dienst wird es keinen Streik geben. Am Montag einigten sich die Gewerkschaft Verdi und die öffentlichen Arbeitgeber auf einen neuen Tarifvertrag mit einer Laufzeit bis Ende 2009. Das entspricht einer Gesamt-Lohnsteigerung von mehr als acht Prozent. Die Vereinigung Kommunaler Arbeitgeber rang am längsten mit dem Kompromiss.

Haben sich geeinigt: Verdi-Chef Frank Bsirske und Innenminister Wolfgang Schäuble.

Haben sich geeinigt: Verdi-Chef Frank Bsirske und Innenminister Wolfgang Schäuble. (© Foto: dpa)

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Demnach sollen die Löhne und Gehälter in zwei Stufen ansteigen. Hinzu kommen Einmalzahlungen und eine leichte Arbeitszeitverlängerung in Westdeutschland. Nach der Vereinbarung sollen rückwirkend zum 1. Januar 2008 alle Gehälter um monatlich 50 Euro steigen und dann noch einmal um 3,1 Prozent angehoben werden. Vom 1. Januar kommenden Jahres wachsen sie noch einmal um 2,8 Prozent. Außerdem ist für das Jahr 2009 eine Einmalzahlung von 225 Euro für jeden Beschäftigten ausgehandelt worden.

Nach vorläufigen Berechnungen bringt der Tarifabschluss für den Bund Mehrbelastungen von etwa 1,2 Milliarden Euro, die kommunalen Arbeitgeber rechnen mit etwa 9,5 Milliarden Mehrausgaben.

Verdi-Chef Frank Bsirske zeigte sich zufrieden mit dem Tarifabschluss. "Das ist ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann", betonte Bsirske.

Der Gewerkschaftsvorsitzende hob insbesondere eine "sehr deutliche soziale Komponente" durch den Sockelbetrag von 50 Euro hervor. Bsirske lobte die sehr deutliche Anhebung der Gehälter bei einer gleichzeitig "moderaten Verlängerung der Arbeitszeit" im Westen.

In diesem Zusammenhang sprach der Verdi-Chef von einem "Wermutsschluck", der aber ausgeglichen werde durch den Erfolg, einen echten "Dammbruch" bei der Arbeitszeit verhindert zu haben. Bsirske berichtete, dass die Bundestarifkommission mit 64 zu 25 Stimmen eine Zustimmung empfohlen habe. Nun werde es in den nächsten zehn Tagen eine Mitgliederbefragung geben, in der alle Mitglieder wie bei einer Urabstimmung über das Ergebnis entscheiden sollen.

"Das Ergebnis ist verantwortbar"

Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, die Einigung bringe erhebliche Belastungen mit sich, habe aber einen langwierigen und für die Volkswirtschaft problematischen Streik verhindert.

Stets aber sei allen Seiten bewusst gewesen, dass die Beschäftigten einen "fairen Anteil an der allgemeinen Entwicklung unserer Wirtschaft" haben sollten. Daraus habe sich eine außergewöhnlich schwierige Aufgabe ergeben. In Anbetracht dessen sei es ein großer Erfolg, einen Arbeitskampf verhindert zu haben. "Das Ergebnis fällt uns nicht leicht, ist aber verantwortbar" sagte Schäuble.

Der Verhandlungsführer der kommunalen Arbeitgeber, der Personalchef der Stadt München, Thomas Böhle, sagte der Süddeutschen Zeitung: "Wir mussten einfach abwägen, ob wir diesen Abschluss jetzt machen oder nach einem Streik zu genau dem gleichen Ergebnis kommen. Das Ergebnis nach einem Streik ist erfahrungsgemäß immer schlechter als das einer Schlichtung. Die Gewerkschaften haben acht Prozent, oder mindestens 200 Euro gefordert - für ein Jahr. Das Volumen beträgt nun 8,6 Prozent - aber verteilt auf zwei Jahre."

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) kritisierte die Einigung. "Die Struktur des Abschlusses ist beschäftigungsfeindlich", sagte IW-Experte Rolf Kroker. Vielen werde es schwerfallen, die vorgesehene Mehrbelastung zu finanzieren. Einigen Kommunen werde nichts anderes übrigbleiben, als Gebühren und Beiträge anzuheben, sagte der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg.

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(SZ vom 1. April 2008)