Target-2-Salden der Bundesbank Brisante Milliarden

Ökonomen streiten über Kredite der Bundesbank an südeuropäische Notenbanken. Es geht um den unfassbaren Betrag von einer halben Billion Euro. Manche sagen: Wenn die Euro-Zone zerbricht, hat Deutschland mit dieser Summe ein gewaltiges Problem.

Von Fabian Uebbing

Wie viele Nullen hat die Zahl 500 Milliarden? Eine jüngst veröffentliche Umfrage zeigte: 47 Prozent der Deutschen können das spontan nicht beantworten. Doch es ist besser, sich mit den vielen Nullen anzufreunden: In der Euro-Krise wird es noch oft um sehr große Zahlen gehen.

Um 500 Milliarden Euro - eine Zahl mit elf Nullen - geht es in einer Debatte, an der sich gerade Ökonomen abarbeiten. Diese Summe steht als Forderung in der Bilanz der Bundesbank, und alle fragen sich: Wie gefährlich ist diese Zahl, die sich hinter dem technisch-unschuldig klingenden Posten "Target 2" verbirgt?

Die Definition klingt so: Target 2 dient als Verrechnungssystem für grenzüberschreitende Zahlungen innerhalb des Eurosystems. Verkauft zum Beispiel ein deutscher Händler ein Auto nach Spanien, fließt das Geld folgenden Weg: Der Spanier geht zu seiner Hausbank, um die Überweisung nach Deutschland in Auftrag zu geben. Die Hausbank wendet sich an die spanische Zentralbank, die der Europäischen Zentralbank EZB Bescheid gibt. Die EZB meldet die Summe der Bundesbank, die dann das Geld an die Hausbank des deutschen Autohändlers zahlt. Der Deutsche sieht es dann auf seinem Konto und schickt das Auto an den Spanier. Eigentlich ein gutes Geschäft - nur senden sich die spanischen und die deutschen Notenbanken kein Geld hin und her, denn Zentralbanken erschaffen quasi Geld aus dem Nichts. Die Bundesbank erhält somit "nur" eine virtuelle Forderung, die an den Mittler der Euro-Zone gerichtet ist, an die EZB.

Von 1999 bis 2006 waren diese Forderungen fair verteilt. Die Geldströme, Rechnungen und Kapitalverschiebungen zwischen Deutschland, Spanien und den anderen Euro-Ländern addierten sich unterm Strich auf etwa null. Seit dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise geraten die Target-2-Salden jedoch aus den Fugen.

Heimliches Rettungspaket an die Krisenländer?

Das stieß lange niemandem auf. Erst Ende 2010 kontaktierte der ehemalige Bundesbank-Präsident Helmut Schlesinger den Chef des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, und wies ihn auf einen ihm unerklärlichen Posten in der Bilanz der Bundesbank hin - eben die Target-Salden. Sinn recherchierte und kam zu dem Schluss: Das System sei eine Zeitbombe.

Er beginnt, in den Medien zu warnen. Seine Botschaft: Mit dem Geld versuche die EZB, die kriselnden Euro-Länder zu retten - heimlich, still und leise, argumentiert Sinn. Nur auf den ersten Blick handele es sich bei Target um ein irrelevantes, rein technisches System. "Dieser Eindruck ist falsch", sagt Sinn. In der Finanzkrise sei der private Geldstrom versiegt, der früher dafür gesorgt habe, dass sich die Salden zügig ausgeglichen hätten. Somit entsprächen die Target-Bestände kurzen Krediten, die - im Auto-Beispiel - Deutschland an Spanien vergebe. De facto sei die EZB zum Kreditgeber für die Krisenstaaten geworden.

Die Haftungen der Deutsche Bundesbank würden somit steigen, ohne dass dies wie die Rettungspakete demokratisch legitimiert sei. Das Risiko dabei: Breche die Euro-Zone auseinander, bleibe die Bundesbank auf diesen Milliarden-Forderungen sitzen. Das Geld wäre weg.

Sinn argumentiere wie am Stammtisch, kritisieren Ökonomen

Sinns Warnungen treffen auf Widerspruch. Für die Bundesbank sind die Target-Salden nicht problematisch, sagt die Bundesbank selbst. Der Chefvolkswirt der deutschen Nationalbank, Jens Ulbrich, und sein Kollege, der Target-2-Experte Alexander Lipponer, reagieren und veröffentlichen einen Aufsatz zum Thema. "Für die Bundesbank stellt ein eigener positiver Target-2-Saldo kein anderes Risiko dar als ein positiver Target-2-Saldo der Banque de France", heißt es darin. Mit anderen Worten: Aus ihrer Sicht spielt es letztlich keine Rolle, welche Notenbank im Euro-Raum die Salden anhäuft - die Haftung ergebe sich allein aus ihrem Kapitalanteil an der EZB. Der liegt für Deutschland bei rund 27 Prozent. Würde also am Ende ein offener Posten bleiben, falls Griechenland die Euro-Zone verlassen würde und alle Salden der einzelnen Notenbanken verrechnet würden, würde Deutschland nur entsprechend der EZB-Beteiligung dafür haften. Punkt.

Die Bundesbank steht mit ihrer Meinung nicht alleine. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sagt, Sinn argumentiere wie am Stammtisch. Das Handelsblatt sieht in Target einen "rein technischen Vorgang" und widerspricht regelmäßig anderen Analysen. Die Zeit argumentiert in ihrem Herdentrieb-Blog wieder und wieder gegen Sinns Position.

Schützenhilfe bekommt Sinn seit kurzem von überraschender Stelle: vom Leiter der Bundesbank, die dem Münchner Ökonom ja eigentlich widerspricht. Doch ihr Chef, Jens Weidmann, schrieb dem EZB-Präsidenten Mario Draghi einen Brief. In ihm warnt Weidmann vor steigenden Risiken durch die Target-2-Forderungen. Der irische Wirtschaftsprofessor Karl Whelan kommentiert dies trocken: Den Experten der Bundesbank ergehe es wie vielen Angestellten - sie erleben, dass der Chef keine Ahnung von den tatsächlichen Themen habe. Whelan kritisiert außerdem Sinn scharf: Seine Analyse sei falsch und die daraus abgeleiteten Empfehlungen an die Politik extrem gefährlich.

Unterstützer für die Milliarden-These

Doch es gibt auch Befürworter, die Sinn zustimmen. In der FAZ heißt es ebenfalls, dass die Risiken steigen. Auch der Blogger Wirtschaftswurm sieht eine "Schieflage im Euro-System".

Die Debatte wird heftig geführt. Womöglich ist sie am Ende weniger brisant, als es scheint. Denn selbst Sinn, der sie forciert hat, geht davon aus, dass die Target-Salden erst dann problematisch würden, wenn die Währungsunion auseinanderbrechen sollte. Soweit ist es noch lange nicht - und dieser Fall dürfte erst recht richtig teuer werden. Vorsorglich könnten die Deutschen ja schon mal den Umgang mit der Billion üben. Ein Billion hat zwölf Nullen. In Ziffern: 1.000.000.000.000.