Warum der gewöhnliche deutsche Arbeitnehmer seit Jahren nichts anderes leistet, als dem Aufschwung im Wege zu stehen und die ehrgeizigsten Kollegen bereits um Gehaltskürzung gebeten haben.

1.März, Monatsanfang. Seit Tagen liegt das Datum wie Blei auf der Seele. Nicht, weil März wäre, das ginge schon in Ordnung. Wie gewohnt, werden wir unsere Rösslein einspannen und Felder und Wiesen instand setzen, und seien sie gefroren bis zum Grundwasser.

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Nein, das Grauen kommt per Post, ein schlankes Kuvert von der Bank, der monatliche Kontoauszug. Man würde ihn gerne zurücksenden, ungeöffnet und mit der Aufschrift "Empfänger unbekannt verzogen". Aber was hülfe es? Der Automatismus des Geldverkehrs ginge unerbittlich weiter, ob wir ihn zur Kenntnis nehmen oder nicht.

Also blicken wir den Tatsachen ins Auge. Was schreibt die Bank? In der Minus-Spalte das Übliche: Miete, Versicherung, diverse Bußgelder, darunter die laufenden Abgaben für die ehemalige Frau des Lebens - nichts, worüber man sich aufregen müsste.

Doch dann kommt's: das Gehalt! Der Wahnsinnsbetrag, den der Arbeitgeber überwiesen hat. Wie immer viel zu viel. Eine Unsumme. Die haben wir, um ehrlich zu sein, nicht verdient. Das belastet uns. Das plagt unser Gewissen. Kurz gesagt: Wir sind demotiviert.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hinzufügt, dass dies mehr ins Allgemeine gesprochen ist und keine Rückschlüsse auf die Streiflicht-Autoren zulässt, bei denen es sich um chinesische Leichtlohn-Empfänger handelt, die in einem militärisch bewachten Schreibbüro in der Nähe von Nanking ihre Pflicht tun.

Nein, die Rede ist vom gewöhnlichen deutschen Arbeitnehmer, der bekanntlich seit Jahren nichts anderes leistet, als dem Aufschwung im Wege zu stehen. Selbstverständlich tut er das nicht absichtlich, sondern er ist ein Getriebener, einer der gar nicht anders kann. Sein Gehalt ist nämlich zu hoch, und das, so der Management-Berater Reinhard Sprenger im Handelsblatt, sei der Motivation unter Umständen abträglich. Ein hoher Lohn ersetze die Bindung an die Aufgabe durch die Bindung an die Bezahlung.

Verstehen wir das richtig? Wir verdienen zu viel? Ja dann! Dann ist auch klar, warum das Handelsblatt gestern demonstrativ auf unserem Schreibtisch lag und die ehrgeizigsten Kollegen bereits um Gehaltskürzung gebeten haben.

Seitdem sind sie mindestens so motiviert wie der Chef der Deutschen Bank, wie Josef Ackermann. Der hat soeben gebeichtet, er habe in den vergangenen Jahren auf Geld verzichtet, das ihm zugestanden hätte. So etwas motiviert natürlich ungemein, das kriegen die Mitarbeiter bald zu spüren. Man ahnt, was folgt: Blaue Briefe, Freistellungen zum Wohle des Unternehmens.

Deshalb sind diejenigen Manager die beliebtesten, die als gut dotierte Frühstücksdirektoren jeglichen Motivationsanfall im Keim ersticken. Anders dagegen die Unternehmensberater von McKinsey, Berger& Co: So wie die motiviert sind, kriegen sie sicher keinen Cent.

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(SZ vom 1.3.2005)