SZ-Serie Durchleuchtet Nicht die beste aller Welten

Beim Autobauer Daimler gibt es trotz Rekorddividende Selbstkritik bei der Hauptversammlung: etwa über Umweltstandards und Leiharbeiter.

Von Thomas Fromm und Max Hägler, Berlin/München

Irgendwann ist es Zeit zu gehen, auch für diese beiden Herren, aber wer will schon gehen, wenn es gerade gut läuft. "Weder Herr Zetsche noch ich spielen Golf", sagt Manfred Bischoff, der Daimler-Aufsichtsratschef. Er nicht, und auch Konzernboss Dieter Zetsche nicht. Kein Golf, keine Wechsel, keine Nachfolgedebatten. So einfach ist das.

Wisch und weg, so kann man es machen mit einem Thema, wenn die unternehmenseigene Satzung zwar Altersgrenzen vorsieht, aber dann zuerst der Vertrag des 62-jährigen Vorstandsvorsitzenden verlängert wird und dann bei der Hauptversammlung in Berlin auch noch die Bestellung des 73-jährigen Chefkontrolleurs ansteht. Der ist so etwas wie Zetsches Ziehvater (oder sollte man besser sagen: Ziehgroßvater?), und so mancher Aktionär würde zumindest den Älteren mal so langsam in Rente schicken. Aber die meisten Aktionäre lassen die Dinge eben doch gerne laufen - vorausgesetzt, sie laufen gut.

SZ-Serie durchleuchtet Unternehmen

Für manche Vorstandschefs ist die Hauptversammlung nur schwer zu ertragen: Stundenlang machen Aktionäre ihrer Wut Luft. Dabei geht es längst nicht nur um Zahlen, sondern auch um die gesellschaftliche Rolle der Unternehmen. Den Bossen bleibt nichts anderes übrig, als den Aktionären Rede und Antwort zu stehen, denn dazu verpflichtet sie das deutsche Aktiengesetz. Ab diesem Dezember rückt nachhaltige Unternehmensführung noch stärker in den Fokus. Denn ab dann wird für börsenotierte Unternehmen ab 500 Mitarbeitern die sogenannte "nicht-bilanzielle Berichterstattung" Pflicht, so hat es die EU in einer Richtlinie festgelegt. Derzeit bereitet das Justizministerium das entsprechende Umsetzungsgesetz vor. Im Entwurf ist vorgesehen, dass die Unternehmen über den Umgang mit Mitarbeitern und Umweltressourcen, Menschenrechten, Korruption und über die Frauenquote in Vorstand und Aufsichtsrat berichten müssen. In welcher Form diese Punkte abgearbeitet werden, ist den Unternehmen überlassen. Die EU hat jedoch mehrere Bilanzierungsstandards explizit erwähnt, unter anderem die Gemeinwohlbilanz, die auf Initiative des österreichischen Ökonomen Christian Felber und seinen Mitstreitern zurückgeht. Auf dieser Grundlage bilanzieren schon heute etwa der Sportartikelhersteller Vaude, oder die Münchner Sparda Bank. Andere Beispiele für Standards der nicht-finanziellen Berichterstattung sind der UN Global Compact, die Leitlinien der Global Reporting Initiative (GRI) oder das Konzept des International Integrated Reporting Councils (IIRC). Durch die Anwendung von Standards sollen die Berichte eine gewisse Vergleichbarkeit erlauben. Einer der größten Streitpunkte des Gesetzesentwurfs ist, in wie weit Wirtschaftsprüfer den Nachhaltigkeits-Bericht testieren müssen. Eine externe Prüfung würde den Berichten mehr Glaubwürdigkeit verleihen. Doch gerade wenn es um Themen wie Schadstoffaustoß geht, stößt eine solche Prüfung an ihre Grenzen: eigentlich müssten dann Kontroll-Messungen durchgeführt werden. Eine reine Belegkontrolle reicht hier nicht aus. Andrea Rexer

Mit 280 000 Mitarbeitern machte Daimler im vergangenen Jahr etwa 150 Milliarden Euro Umsatz, verkaufte mehr als zwei Millionen Autos, mehr als 500 000 Lastwagen. Die Dividende ist wohl die beste aller Dax-Konzerne in diesem Jahr: 3,25 Euro.

Aufsichtsratschef Bischoff ist der Meinung, dass Kritiker ihre Aktien verkaufen sollen, statt zu nerven

Rekorde also. Dumm nur, dass man sich nun ziemlich strecken muss, damit das auch so bleibt. Angesichts der neuen digitalen Konkurrenten, sagt Zetsche, werde die Zukunft schwieriger. Und wenn es schwierig wird, werden Manager gerne philosophisch. Zetsche sagt: "Es geht darum, dass der Status Quo noch längst nicht die beste aller Welten ist."

Illustration: Stefan Dimitrov

(Foto: Stefan Dimitrov)

Ein Autobauer ist ein Autobauer ist ein Autobauer, das war früher, und es war so wunderbar einfach. Jetzt geht es um alles: Elektroautos, selbstfahrende Autos, vernetzte Autos, um Umweltschutz. Es ist also der Tag, an dem man über tolle Gewinnrenditen sprechen kann, aber eben auch über all die anderen Dinge. Über Arbeitsbedingungen etwa. Über den Ölkonzern und Formel 1-Partner Petronas, der bei der Ölförderung womöglich Teile Südsudans verseucht hat - und dennoch wohlgelitten ist bei Daimler. Und dann ist da die VW-Dieselaffäre. "Daimler hat diese Schlagzeilen nicht ausgelöst", sagt Zetsche, trotzdem gab es am Rande auch Vorwürfe, die unsere Produkte betreffen." Nur betreffen? Von wegen, die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat jetzt Klage gegen den Autobauer Daimler eingereicht. Der Vorwurf: Irreführende Abgasangaben gegenüber den Käufern. Wo Daimler einen "besonders geringen Schadstoffausstoß" verspreche, lägen die Werte beim realen Fahren weit darüber. Daimler bestreitet das gar nicht: die Abgasreinigung werde bei bestimmten Betriebsbedingungen heruntergefahren, um den Motor zu schützen; die Klage sei daher "unbegründet".

280 000

...Mitarbeiter sind bei Daimler auf der Gehaltsliste. Für sie gelten laut Nachhaltigkeitsbericht "zentrale Arbeitnehmerrechte", wozu auch Chancengleichheit und das "Recht auf gleichen Lohn" gehören. Für Leiharbeiter gelten diese hohen Standards allerdings nicht.

8700

Leiharbeiter arbeiten in den Daimler-Werken. Sie seien wichtig, um Produktionsspitzen abzufedern, heißt es.

Das Timing hätte deshalb nicht besser sein können: Just kurz vor der Hauptversammlung kommt ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages zu dem Ergebnis, dass einige Dieselfahrzeuge in Deutschland eigentlich gar nicht fahren dürften. Denn das Argument, wonach das Abschalten der Abgasreinigung unter bestimmten Bedingungen gesetzeskonform sei, sei so nicht haltbar. Unangenehm auch für Daimler. Der Konzern verweist stolz darauf, den Durchschnittsverbrauch der Neuwagen auf 123 Gramm CO₂/km gesenkt zu haben.

Weil Daimler nicht nur C- und S-Klassen baut, sondern auch Militärlastwagen, protestieren hier auch kritische Aktionäre und Friedenskämpfer. Es sei längst nicht egal, wie man sein Geld verdiene, und der Konzern habe "hemmungslos" Krieg führende Staaten - "darunter auch astreine Diktaturen" - mit Mercedes-Benz-Fahrzeugen hochgerüstet, kritisiert der Freiburger Friedensaktivist Jürgen Grässlin. 188 Lastwagen gingen etwa für insgesamt gut zehn Millionen Euro an die Türkei. All die wohlklingenden Beschlüsse des Konzerns zur "Guten Unternehmensführung", die Ansprüche zum nachhaltigen Handeln - was seien die schon wert? Damit muss man rechnen, wenn man eine breite Produktpalette hat und sich gleichzeitig ein Korsett an hohen Maßstäben gibt. So sei etwa der "Global Compact Act" der Vereinten Nationen "eine grundsätzliche Richtschnur für unsere Geschäftstätigkeit", heißt es im Nachhaltigkeitsbericht der Firma. Und was meint Aufsichtsratschef Bischoff, wenn er mit den Lieferungen ans Militär konfrontiert wird? Der ist genervt. "Seit 20 Jahren höre ich das schon." Überhaupt sollten die kritischen Aktionäre doch das Kritisieren sein lassen und ihre Aktien verkaufen, wenn sie nicht wollen, dass Daimler auch Militärlastwagen verkauft.

Wie üblich in der Autobranche ist da noch das Thema Zweiklassengesellschaft zwischen Festangestellten mit wunderbarem Metall-Tarifvertrag und Boni auf der einen und Leiharbeitern auf der anderen Seite. 8700 gibt es bei Daimler, sechs Prozent der Belegschaft. Wichtiges Thema, kleine Wirkung: "Die prekären Verhältnisse wollen wir ändern", heißt es aus dem Betriebsrat, "aber insgesamt müssen wir da jetzt keinen größeren Streit herbeireden."

Der ist dann unten in der Versammlungshalle, die Polizei schreitet ein. Ging's um Militärgut? Stickoxide? Tarifgehälter? Es ging um Wiener Würstel, um die sich Aktionäre gestritten hatten. Die Konsequenz daraus, sagt Bischoff: "Entweder wir brauchen mehr Würste oder wir schaffen die Würste ganz ab."