Von Marc Beise

Ein mutiger Zinsschritt der US-Notenbank reißt die EZB mit und stabilisiert die Weltbörsen.

(SZ vom 18.9.) - In der Stunde der Bewährung Mut und Augenmaß zugleich zu zeigen, ist eine rare Tugend. Die US-Notenbank mit ihrem Präsidenten Alan Greenspan an der Spitze ist mutig.

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Eine Stunde vor Wiederaufnahme des Handels an der New Yorker Aktienbörse verkündete die Federal Reserve gestern eine erneute Senkung des US-Leitzinses, die achte in diesem Jahr, von 3,5 auf drei Prozent.

Greenspan machte damit Geld in den USA noch einmal billiger und den gebeutelten US-Unternehmen das Leben etwas leichter.

Er riskierte, dass der Schritt als Panikreaktion hätte missverstanden werden können - und dies in einem Moment, da bei den Anlegern die Nerven blank lagen.

Angst vor schwarzem Montag

Mancher hatte vor einem "schwarzen Montag" gewarnt, hatte die Kurse an der Wall Street bereits in die Tiefe stürzen und erneut Milliarden-(Buch-)Vermögen vernichtet gesehen.

Es spricht für die Klasse eines Alan Greenspan, diesen alten Fuchs der Notenbankwelt, dessen zu Zeiten des US-Wirtschaftswunders erworbener Heiligenschein mit zunehmender Konjunkturflaute an Glanz verloren hat, dass er sich von der Panik nicht hat anstecken lassen und bewusst ein Zeichen des Aufbruchs setzte.

Überraschend und mit zweistündiger Verspätung zog die Europäische Zentralbank nach und nahm ihren Leitzins ebenfalls um 50 Basispunkte auf jetzt 3,75 Prozent zurück.

Chance sträflich vergeben

Eine Maßnahme, die im Widerspruch zu manchem Signal aus den vergangenen Tagen stand und durch die Zeitverzögerung die Chance eines abgestimmten Signals über den Atlantik sträflich vergab.

Die deutschen Börsen bedurften des Signals ohnehin nicht mehr, sie standen nach anfänglichen Verlusten längst im Plus.

Und auch für die US-Börsen war das Schlimmste fürs erste ausgestanden. Unsicherheit, Panik gar ist immer ein schlechter Ratgeber.

Deshalb war es grundsätzlich von Vorteil, dass die weltgrößte Aktienbörse in New York seit dem Terror des 11. September auf das World Trade Center fast eine Woche lang geschlossen geblieben war.

Anstatt in Panik ihre Aktien zum Schleuderpreis abstoßen zu können, hatten die geschockten Amerikaner Zeit genug, über das fürchterliche Verbrechen, das zum Trauma werden könnte, nachzudenken und seine wirtschaftlichen Folgen zu taxieren.

Am Scheideweg

Entsprechend überlegt gaben sie am Montag ihre Order ab.

Die Sorgen der vergangenen Tage sind damit nicht obsolet.

Entscheidend für die weitere Lage an den Aktienmärkten und in der Wirtschaft insgesamt werden die kommenden Wochen sein. Weil an der Börse die Zukunft gehandelt wird, kommt es auf Erwartungen an und auf Psychologie.

Schon vor der Katastrophe stand die US-Wirtschaft am Scheideweg zwischen Rezession oder Erholung. Noch immer sind beide Wege offen.

Ungeachtet aller alten und neuen Probleme ist die US-Wirtschaft im Kern stark und ihre Zukunft vielversprechend.

Dies den Bürgern zu vermitteln, wird allerdings zunehmend schwieriger werden angesichts der bevorstehenden militärischen Auseinandersetzungen und ihrer unabsehbaren Folgen.

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