sueddeutsche.de: Die FDP liegt in Umfragen erstaunlich hoch. Dass muss Sie ungemein fuchsen. Haben die Liberalen vielleicht doch die besseren Antworten auf die Wirtschafts- und Finanzkrise?

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Giegold: Viele Menschen glauben tatsächlich, die FDP sei irgendwie wirtschaftskompetent. Das ist falsch und damit wird die FDP im Wahlkampf große Probleme bekommen.

sueddeutsche.de: Die Grünen haben doch seit 1998 sieben Jahre mitregiert, nicht die FDP. Welchen Anteil hat Rot-Grün an der Krise?

Giegold: Rot-Grün hat Fehler gemacht. Und auch innerhalb der Grünen gab es die Tendenz, den Märkten mehr zuzutrauen, als sie eigentlich können. Der Unterschied zur FDP ist, die Grünen haben daraus gelernt.

sueddeutsche.de: Das würde die FDP jetzt anders sehen.

Giegold: Die FDP hat auf alle zentralen Fragen dieser Krise die falschen Antworten. Sie war immer gegen die Regulierung von Finanzmärkten und warnt selbst jetzt noch davor. Sie will Reiche entlasten und Arme schröpfen. Sie will die gesetzliche Krankenversicherung privatisieren. Das alles schafft noch mehr soziale Ungleichheit, als ohnehin schon der Fall ist.

sueddeutsche.de: Ist es sozial ungerecht, Opel in die Pleite gehen zu lassen, wie es die FDP will?

Giegold: Ob ein einzelnes Unternehmen gerettet wird oder nicht, ist keine Frage der Sozialstaatlichkeit. Ich sehe das pragmatisch: Wenn die Märkte nicht funktionieren, muss der Staat die Märkte stabilisieren. Da heißt zunächst, die systemrelevanten Banken müssen gesichert werden. Wobei gelten muss, dass erst die Aktionäre haften und dann der Staat.

sueddeutsche.de: Und Opel?

Giegold: Für eine Unternehmensrettung müssen zwei weitere Grundbedingungen erfüllt sein. Das Unternehmen muss eine Perspektive haben nach der Krise - und es muss Produkte herstellen, die sozialökologisch zukunftsfähig sind.

sueddeutsche.de: Das erste Kriterium ist wackelig, das zweite erfüllt Opel nach derzeitigem Stand nicht. Da dürfte die Prognose klar sein.

Giegold: Ich kenne die genauen Zahlen bei Opel nicht. Darum will ich zur Wirtschaftlichkeit nichts sagen. Fakt ist: Die Opel-Mutter General Motors ist Marktführer im Bereich der Elektroautos. Würde Opel diese Technologie zu ihrem Markenzeichen machen, dann wäre Opel ökologisch systemrelevant.

sueddeutsche.de: Die Konjunkturprogramme der Bundesregierung sind von den Grünen massiv kritisiert worden. Welche Alternative hätte es gegeben?

Giegold: Wir wollen keine Programme mit der Gießkanne. Statt Steuersenkungen wollen wir mehr Investitionen in Bildung, in soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz. Und was noch fehlt, ist die Regulierung der Finanzmärkte.

sueddeutsche.de: Die große Koalition hat sich in einem ersten Schritt auf neue Regeln für Managergehälter geeinigt. In Zukunft soll der Aufsichtsrat die Gehälter bestimmen und haftbar gemacht werden. Haltefristen für Aktienoptionen werden verlängert. Verdienen die Manager und Banker nicht einfach zu viel?

Giegold: Die Bezahlung von Investmentbankern war sicher eine ganz relevante Ursache der Krise. Es geht mir aber nicht nur um die Höhe der Boni. Wer viel verdient, zahlt auch ordentlich Steuern, das finde ich persönlich sehr sympathisch. Mein Problem ist, dass die Unternehmen die Boni an zu kurzen Fristen orientiert haben. Der Erfolg eines Managers darf nicht an einem Quartal oder einem Jahr festgemacht werden, sondern wenigstens an fünf Jahren.

sueddeutsche.de: Wer Unternehmern vorschreibt, wie er seine Angestellten zu bezahlen hat, der verletzt das Prinzip der Vertragsfreiheit. Ist das mit dem grünen Freiheitsbegriff vereinbar?

Giegold: Ich halte es da ausnahmsweise mit dem liberalen Kommentator der Financial Times, Martin Wolf. Der hat geschrieben, es sei eine unerträgliche Vorstellung, wenn der Staat in die Vertragsbeziehungen innerhalb von Unternehmen eingreife. Es sei aber eine noch viel unerträglichere Vorstellung, dass sich so ein Krise, wie wir sie jetzt haben, noch einmal wiederholt.

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(sueddeutsche.de/mel/jja)