Supermarktkette Kaiser's-Tengelmann-Chef erwartet den Verlust "vieler Arbeitsplätze"

Symbolbild

(Foto: imago/Ralph Peters)
  • Karl-Erivan Haub, der Eigentümer von Kaiser's Tengelmann, will an diesem Freitag die Mitarbeiter darüber informieren, dass die Supermarktkette von der kommenden Woche an zerschlagen wird.
  • Ein für Samstag anberaumtes Treffen sei "obsolet" geworden. Dort sollte mit anderen Konzernen eine Lösung gefunden werden.
Von Michael Kläsgen

Weil sich die Unternehmenschefs nicht einigen können, droht nun doch die Zerschlagung von Kaiser's Tengelmann. Für die offiziell noch etwa 15500 Mitarbeiter der Supermarktkette ist das "keine gute Nachricht." Das ist eine objektive Erkenntnis, aber Karl-Erivan Haub formulierte es am Donnerstagabend genau so. Er erwartet den Verlust vieler Arbeitsplätze. Eine Zahl nannte er nicht, aber zuvor war immer von 5000 bis 8000 Arbeitsplätzen die Rede. Vor allem die Märkte, die Verwaltung, die Läger und Fleischwerke in Nordrhein-Westfalen werden betroffen sein, aber auch Standorte in München, Bayern und Berlin. Bereits in der kommenden Woche will Haub mit dem Verkauf einzelner Filialen und Betriebe beginnen.

Begonnen haben auch gegenseitige Schuldzuweisen für das Scheitern der Verhandlungen. Haub und Edeka, der Branchenprimus, mit dem Haub vor zwei Jahren einen Kaufvertrag über die damals 451 Supermärkte schloss, wiesen dem Konkurrenten Rewe die Verantwortung zu. Rewe behauptete seinerseits, es habe seitens Haub und Edeka nie eine aufrichtige Verhandlungsbereitschaft gegeben. Tatsache ist, dass der in der vergangenen Woche gestartete Versuch, die Supermärkte neu aufzuteilen, zum Scheitern verurteilt war. Das Bundeskartellamt hätte sich die Aufteilung genau anschauen müssen. Es wäre weitere Zeit verloren gegangen. Zeit, die Haub nicht hat. Die Kette macht zehn Millionen Euro Verlust pro Monat.

Die Alternative wäre eine Bargeldabfindung an die Kläger vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf gewesen, die mit ihrer Beschwerde die Fusion von Kaiser's Tengelmann und Edeka blockierten. Doch an Bargeld war Rewe nicht interessiert. "Geld braucht Rewe nicht", sagte ein Insider. "Davon hat der Konzern wahrlich genug". Rewe war vor allem an Supermärkten in München und in Oberbayern interessiert, wo die Supermarktkette Edeka Marktführer ist. Jetzt dürfte Rewe die Möglichkeit bekommen, für die Standorte im Rahmen der Zerschlagung zu bieten. Aber die Konkurrenz ist groß. Auch Migros aus der Schweiz und andere wollen diese Märkte haben.

Die Situation ist verfahren, die Unternehmenschefs sind heillos zerstritten. Wem am Ende tatsächlich die Schuld für das Scheitern zukommt, ist schwierig zu sagen. An diesem Samstag wollten sich die Unternehmenschefs eigentlich noch einmal treffen, um vor dem Ende der Frist am Montag eine Lösung zu finden. Aber dazu kommt es nicht.

In einer E-Mail vom vergangenen Dienstag, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, sagt Alain Caparros, der Chef der Supermarktkette Rewe, seine Teilnahme an einem an diesem Samstag geplanten Treffen ab. "Der Stand der Dinge ist heute so, dass ich eine Teilnahme am für Samstag anberaumten Treffen nicht zusagen kann." Diese Mail adressierte Caparros an alle beteiligten Unternehmenschefs und an den Chef der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske. Verdi ist Initiator der Treffen und hat maßgeblich Interesse an dem Erhalt der Arbeitsplätze.

Treffen auf Arbeitsebene wurden behindert oder platzten. Deswegen beschloss Haub, nun die Reißleine zu ziehen. Nach Informationen der SZ schrieb er am Donnerstag in einer Mail an den Chef der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, dass er der Belegschaft jetzt mitteilen werde, mit der Zerschlagung zu beginnen. "Hierüber werde ich meine Mitarbeiter am Freitagmittag informieren." Eine Lösung sei "nicht umsetzbar." Das liegt an rechtlichen Fragen, aber auch an persönlichen Animositäten. Haub fühlt sich von Caparros übervorteilt. Er wirft ihm "Zerstörungstaktik" vor. Caparros habe stets nur Versprechen gemacht, die er nicht einhalten müsse, weil sie rechtlich nicht umsetzbar seien. Haub soll inzwischen überzeugt sein, dass Rewe gar nicht an einer Übernahme von Filialen interessiert war, sondern nur Daten über die Supermärkte von Kaiser's Tengelmann vor allem in München und Oberbayern "absaugen" wollte.

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Caparros teilte hingegen am Donnerstagabend mit: "Es gibt keinen ernsthaften Vorschlag für einen Kompromiss". Haub und Edeka seien nach dem letzten Treffen der Chefs gar nicht gesprächsbereit gewesen. Mit einem fünfköpfigen Team habe Rewe am vergangenen Wochenende rund um die Uhr bereitgestanden. Aber ein Treffen auf Arbeitsebene sei am Montag weitestgehend ergebnislos verlaufen, weil die Vertreter von Edeka die Gespräche erschwert und sich zu internen Beratungen zurückgezogen hätten.

Edeka und Haub hingegen behaupten, Rewe sei zu geplanten Treffen auf Arbeitsebene gar nicht erschienen oder habe erst abgesagt als die Vertreter von Edeka schon im Flieger saßen. Edeka teilte mit, "es drängt sich der Eindruck auf, dass Rewe an keiner Lösung im Rahmen der Ministererlaubnis interessiert war". Aber nur darum sei es gegangen: die Bedingungen von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel einzuhalten. Der wichtigste Bestandteil davon ist, die Tarifverträge für alle Beschäftigen für fünf Jahre aufrechtzuerhalten. Das bringt jedoch enorme Kosten mit sich. Edeka nimmt für sich in Anspruch, dazu bereit gewesen zu sein.

Andererseits heißt es, Edeka sei in Wahrheit längst an einer Zerschlagung mehr interessiert gewesen als an einer Übernahme aller Märkte sowie der verlustreichen Fleischwerke und Läger. Allein die mit Verdi geschlossenen Tarifverträge taxieren Insider auf Zusatzkosten von 120 bis 150 Millionen. Erhielte Edeka bei einer Zerschlagung hingegen eine Großzahl der 170 attraktivsten Supermärkte, stünde das Unternehmen weit besser da.

Tarifverträge werden für die Mitarbeiter, egal in welchem übernommenen Supermarkt, nach der Zerschlagung nicht mehr gelten. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel pocht auch nach den gescheiterten Verhandlungen auf einen Kompromiss. Er appelliere nochmals, "dass sich alle Beteiligten ernsthaft bemühen sollten, eine tragfähige Lösung für die Zukunft" der Mitarbeiter zu finden, erklärte der SPD-Chef am Donnerstagabend in Berlin. Ein Scheitern der Verhandlungen wäre erschütternd für die betroffenen Mitarbeiter, so Gabriel.