Von Silvia Liebrich

Der Mord an einem Lanxess-Manager und die wachsende Gewalt in Südafrika beunruhigen deutsche Unternehmen.

Südafrika zieht seit dem Ende der Apartheid nicht nur viele Touristen an, die sich den Urlaubstraum von Sonne, Strand und Safari erfüllen wollen. Auch für Unternehmen aus aller Welt ist das Land am südlichen Zipfel Afrikas ein Anziehungspunkt, darunter sind mehr als 700 deutsche Firmen. Sie alle hoffen auf gute Geschäfte und haben in den vergangenen Jahren Milliarden-Beträge investiert. Immerhin gilt das Land als die am schnellsten wachsenden Wirtschaftsregion auf dem afrikanischen Kontinent südlich des Äquators.

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Doch das Ferienidyll am Kap der guten Hoffnung hat längst seine Unschuld verloren. Der Alltag in der Regenbogen-Nation - einst Vorzeigemodell für ein friedliches Miteinandern von Schwarz und Weiß - wird zunehmend von Unruhen und Gewalt bestimmt. Südafrika zählt zu den Ländern mit der höchsten Kriminalitätsrate weltweit. Auch die Mitarbeiter deutscher Unternehmen, die nach Südafrika entsandt wurden, leben in ständiger Angst und Gefahr.

"Das Beispiel löst Betroffenheit aus"

Am Wochenende wurden der deutsche Leiter eines Lanxess-Werkes und seine Frau in Merebank in der Nähe von Durban im eigenen Haus überfallen und ermordet. Das Ehepaar hinterlässt drei Kinder. Die grausame Tat sorgt für Bestürzung in der deutschen Wirtschaft. Wir alle sind zutiefst erschüttert", ließ Axel Heitmann, Chef des Leverkusener Chemiekonzerns Lanxess mitteilen. "Das Beispiel löst Betroffenheit aus", heißt es beim Autokonzern BMW, der in Südafrika 2200 Menschen beschäftigt, darunter einige Kräfte aus Deutschland.

"Der Überfall auf den Lanxess-Werksleiter ist symptomatisch für die Sicherheitslage in Südafrika", sagt Andreas Wenzel, Referent des Afrika-Vereins, der Firmen bei der Expansion unterstützt. Aus Sicht deutscher Firmen sei die Ermordung des Managers bislang zum Glück nur ein Einzelfall, sagt er. Doch in den Führungsetagen vieler Unternehmen, die sich in Südafrika engagieren, wächst die Besorgnis, dass bald einer ihrer Mitarbeiter betroffen sein könnte.

Für die Wirtschaft des Landes, das 2010 die Fußball-WM austragen will, sind negative Schlagzeilen wie diese Gift. Das schlechte Image ist eine Bedrohung für die Konjunktur. Vielen ausländischen Unternehmen fällt es laut Wenzel angesichts der Gewaltwelle zunehmend schwer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, die bereit sind, in Südafrika zu arbeiten. In einer Umfrage des Afrika-Vereins äußerten sich nahezu alle befragten Firmen besorgt über die Sicherheitslage. "Bei der Aufzählung von Investitionshemmnissen steht die Kriminalität gleich an zweiter Stelle, gleich nach dem Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte in Land selbst", ergänzt Wenzel.

"Viele ausländische Firmen finden kaum noch Mitarbeiter für Südafrika, bestätigt Timo Bollerhey, der bis vor knapp einem Jahr die Repräsentanz der HypoVereinsbank in Johannesburg leitete und zahlreiche ausländische Investoren betreute. "Die Führungskräfte, die für Niederlassungen in Südafrika gesucht werden, kommen meist aus dem mittleren Management, sind verheiratet und haben Kinder", sagt Bollerhey. Immer weniger seien jedoch bereit, ihre Familien einem solchen Risiko auszusetzen.

Der 34-Jährige, der inzwischen für die österreichische Raiffeisen Zentralbank in Wien arbeitet, weiß wovon er spricht. Die zunehmende Gewalt in Südafrika haben ihn und seine Frau nach der Geburt des zweiten Kindes vor wenigen Monaten zur Rückkehr nach Europa bewogen. "Uns selbst ist zwar bis dahin nichts passiert. Dafür gab es aber einige Fälle im engsten Umfeld", erläutert Bollerhey. So seien an der Autobahnauffahrt um die Ecke innerhalb eines Monats zwei Menschen bei Überfällen auf ihre Fahrzeuge erschossen worden. "Es ist außerdem kein schönes Gefühl, wenn es in dem Restaurant, in dem man noch vor drei Tagen zum Essen war, eine Schießerei gibt."

Goldener Käfig

Deutsche Manager führen in Südafrika jenseits von Büro und Fabrikhalle ein Leben hinter hohen Mauern und Stacheldraht. Die meisten sind mit ihren Familien in bewachten Siedlungen untergebracht, in die nur Einlass bekommt, wer angemeldet ist und Sicherheitskontrollen über sich ergehen lässt. Innerhalb dieser streng bewachten Mauern führen die Bewohner üblicherweise ein Leben im Luxus. Schicke Häuser im amerikanischen Stil und akkurat gepflegte Rasenflächen und Blumenbeete prägen das Bild.

Doch nicht jeder fühlt sich in dieser Umgebung wohl. "Man hat das Gefühl, in einem golden Käfig zu leben", meint Bollerhey, der zeitweise in Südafrika aufgewachsen ist. Er entschied sich daher für ein freistehendes Einfamilienhaus in einer Nobelgegend von Johannesburg, bewacht von Elektrozaun, Hunden und Sicherheitsdienst."Einfach mal mit dem Fahrrad in die Stadt fahren zum Einkaufen war auch dort tabu. Aus Sicherheitsgründen ist man immer auf das Auto angewiesen." Vor allem seiner Frau sei dies schwergefallen.

Die Sicherheit ihrer Mitarbeiter kostet ausländische Firmen viel Geld. So unterhält etwa BMW in Südafrika einen eigenen Sicherheitsdienst, der sich vor Ort um alles notwendige kümmert, einschließlich der Wahl des Wohnortes. Auch beim Autohersteller Daimler legt man darauf Wert. "Wir schauen uns die Sicherheitslage genau an" sagte eine Sprecherin des Autoherstellers, der in Südafrika 5000 Beschäftigte hat, darunter einige aus der Stuttgarter Konzernzentrale. "Mitarbeiter werden intensiv beraten. Sie lernen beispielsweise, welche Gegenden sie meiden sollten." Diskretes und unauffälliges Verhalten sei unabdingbar in einer Gegend, in der die Gegensätze zwischen arm und reich aufeinanderprallen, ergänzt sie. Die Schulungen schließen bei manchen Firmen sogar ein Verhaltenstraining für Krisensituationen wie Raubüberfälle ein.

Der Bankmanager Thomas Dirda hat sich durch die negativen Schlagzeilen nicht davon abhalten lassen, nach Südafrika zu gehen. Seit gut vier Wochen leitet der 38-Jährige die Außenstelle der KFW Ipex Bank in Johannesburg. Er soll europäischen Firmen dabei helfen, in Südafrika Fuß zu fassen. "Bislang ist soweit alles in Ordnung", sagt er - mit einer Ausnahme: "Bei der Ankunft wurde unser Container aufgebrochen und einige Umzugskisten gestohlen."

Noch wohnen er und seine Freundin, die als Beraterin bei einer südafrikanischen Firma arbeitet, in einem Gästehaus. Doch der Umzug in einen sogenannten Sicherheitskomplex steht kurz bevor. "Im tägliche Leben sieht man von der hohen Kriminalitätsrate zwar fast nichts, doch das ist trügerisch. Die südafrikanischen Zeitungen sind voll mit Berichten über Raub und Totschlag, die Brutalität ist erschreckend", sagt Dirda. Den Gedanken, hinter Stacheldrahtzäunen leben zu müssen, gefalle ihm zwar nicht, betont er. "Aber ich fühle mich in einem bewachten Viertel einfach sicherer."

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(SZ vom 22.07.2008/hgn)