Subprime Ein böses Wort kehrt zurück

  • Die amerikanische Autoindustrie boomt seit mehreren Jahren.
  • Auch viele Autokäufer mit schlechter Bonität erhielten in dieser Zeit Kredite: Das erinnert an den Beginn der Finanzkrise.
Von Nikolaus Piper, New York

Zu den größten Überraschungen nach der Finanzkrise gehört der Wiederaufstieg der amerikanischen Autoindustrie. Im Juli 2009 erst hatten die Traditionshersteller Chrysler und General Motors den Konkurs verlassen. Seither erlebt die Branche einen regelrechten Boom. Fünf Jahre Wachstum ohne Unterbrechung, so etwas hat es in der amerikanischen Industriegeschichte selten gegeben. Die Vereinigung der amerikanischen Autohändler veröffentlichte diese Woche Ihre Prognose für 2015. Danach werden im kommenden Jahr 16,9 Millionen Autos verkauft, fast eine halbe Million mehr als noch 2014.

Dem Boom droht allerdings Gefahr, und zwar aus einer bisher wenig beachteten Ecke: faule Kundenkredite. Amerikaner sind nach 2010 aus vielen Gründen in die Autohäuser geströmt: Ihre Zuversicht in die Zukunft ist gestiegen, Ersatzbeschaffungen, während der Krise verschoben, werden jetzt nachgeholt und - Autokredite sind heute so billig wie noch nie. Der Boom an Fahrzeugen wurde daher auch von einem mindestens ebenso starken Boom an Finanzierungen begleitet. Und - wie in Boomzeiten üblich - schauten viele Kreditgeber nicht mehr so genau auf die Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden. Auch Autokäufer mit schlechter Bonität bekamen einen Kredit, wenn auch zu deutlich höheren Zinsen. Diese "Subprime-Kredite" werden zu strukturierten Anleihen - "Asset-Backed Securities" (ABS) - gebündelt und an Anleger verkauft.

Die Werbeaktion eines Autohändlers im kalifornischen San Diego soll vermitteln: Weg mit den alten Karren, kauft neue. Zur Not auf Pump.

(Foto: Mike Blake/Reuters)

Die Begriffe und das Verfahren sind wohl bekannt: Mit genau solchen Subprime-Krediten begann 2007 die Finanzkrise, nur ging es damals nicht um Autos, sondern um Einfamilienhäuser. Wiederholt sich nun die Geschichte?

Eindeutige Zeichen "wachsender Risiken"

Einer der ersten Warner war ein Mann namens Darrin Benhart. Benhart ist Vizechef des Office of the Comptroller of the Currency (OCC), einer obskuren Regulierungsbehörde, die auch in Fachkreisen so wenig bekannt ist, dass deren Vertreter bei öffentlichen Auftritten in der Regel erst einmal erklären müssen, was sie machen, und dass sie direkt dem Finanzministerium unterstellt sind. So war das auch Ende Oktober. Benhart sprach auf einer Branchenkonferenz in Las Vegas, er stellte das OCC vor, kam dann aber zur Sache. Ein Alarmsignal, so Benhart, sei die wachsende Schadenssumme in den Fällen, in denen Schuldner säumig werden. Der durchschnittliche Schaden pro ausgefallenen Kredit stieg im vergangenen Jahr um zwölf Prozent auf 7618 Dollar.

Die Kreditausfallrate erreichte nach einer Übersicht der Agentur Bloomberg bis September 13 Prozent; vor der Krise üblich waren zehn bis zwölf Prozent. Außerdem, so Regulierer Benhart, gebe es immer mehr Autokredite, bei denen die Darlehenssumme höher ist als der Wert des dahinterstehenden Autos - auch das ein Phänomen, das aus den Jahren vor der Finanzkrise bekannt ist. Mit der höheren Kreditsumme finanzierten die Autobesitzer Zusatzleistungen wie Produktgarantien und Zubehör. "Das hat bisher noch nicht zur umfassenden Verschlechterungen von Portfolios geführt", sagte Benhart in Las Vegas. "Aber es zeigen sich eindeutig Zeichen wachsender Risiken."

Bisher haben die deutschen Hersteller nur profitiert

Die Gefahren für das Finanzsystem sind sicher nicht mit denen der Subprime-Kredite vor der Finanzkrise vergleichbar. Die Banken haben laut OCC insgesamt 262 Milliarden Dollar Autokredite - gute, wie weniger gute - in den Büchern. 2007 waren es 1,3 Billionen Dollar allein an Subprime-Hauskrediten. Dabei gibt es allerdings einen Vorbehalt: Die Banken halten nur 29 Prozent des Autokreditmarktes. Der große Rest sind Kreditgenossenschaften und Finanzfirmen ohne Banklizenz. Viele dieser Firmen verfügen nur über wenig Erfahrung im Kreditgeschäft, die meisten haben vor 2010 noch nie strukturierten Anleihen gehandelt. Hinter einigen der neuen Anbieter stehen Private-Equity-Firmen mit besonders hohen Renditeerwartungen. Sollte eine der kleineren Kreditfirmen plötzlich das Vertrauen der Investoren verlieren, könnte es zu einer Flucht der Anleihebesitzer und zum Zusammenbruch der Finanzierungsmöglichkeiten für die ganze Branche kommen, glaubt Dave Goodson, Händler bei der Anlagefirma Voya Investment Management laut Bloomberg.

Die Sorge der Experten ist sehr konkret: Anfang der 1990er Jahre gab es schon einmal einen Zusammenbruch des Kreditmarktes für Autos. Zuvor hatte heftige Konkurrenz unter den Anbietern zu einer Verschlechterung der Kreditstandards geführt. Im Zuge der Krise mussten viele kleinere Finanzfirmen aufgeben. Jetzt könnte besonders die Autoindustrie betroffen sein, wenn viele Kunden plötzlich ihren Kauf nicht mehr finanzieren können. Auch die deutschen Hersteller, die in den vergangenen Jahren ihre Position auf dem amerikanischen Markt ausgebaut haben, könnten sich dem nicht entziehen. Bisher haben sie von dem Boom nur profitiert: In den ersten zehn Monaten des Jahres verkaufte Daimler acht Prozent mehr als 2013, BMW sechs Prozent, Audi 15 Prozent und Porsche elf Prozent. Nur die Marke VW musste einen Rückgang um elf Prozent verkraften.