Studie der OECD Europas Krisen treffen die Jugend besonders hart

Europäische Jugendliche demonstrieren während der Konferenz zur Förderung der Jugendbeschäftigung vor dem Bundeskanzleramt gegen Jugendarbeitslosigkeit. Archivbild vom 3.Juli 2013.

(Foto: imago stock&people)
  • 16- bis 29-Jährige haben ein doppelt so hohes Risiko arbeitslos zu werden als andere Arbeitnehmer in Industrieländern. Das geht aus einer Studie der OECD hervor.
  • Aktuell sind fast 40 Millionen junge Menschen ohne Arbeit, das sind fünf Millionen mehr als vor Beginn der Finanz- und Euro-Krise.
  • Allerdings ist die Krise nicht allein dafür verantwortlich, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Ländern wie Spanien, Italien oder Irland besonders hoch ist.
  • Die OECD empfiehlt unter anderem, Rechte wie den Kündigungsschutz oder Mindestlöhne zu überprüfen. Sie könnten verhindern, dass Arbeitgeber junge Menschen mit nur wenig Berufserfahrung einstellen.
Von Alexander Hagelüken

Europas Wirtschaftskrisen treffen junge Menschen besonders stark. So werden 16- bis 29-Jährige in den Industriestaaten doppelt so häufig arbeitslos als andere Arbeitnehmer, schreibt die Organisation OECD in einer neuen Studie. Als Gegenmittel empfiehlt die Denkfabrik der Industrieländer neben mehr und berufsnäherer Bildung auch Umstrittenes: So sollen die Regierungen Rechte wie den Kündigungsschutz oder den Mindestlohn daraufhin überprüfen, wie sehr sie die Einstellung junger Leute verhindern.

Aktuell sind in den OECD-Staaten fast 40 Millionen junge Menschen arbeitslos und auch nicht in Ausbildung - fünf Millionen mehr als vor Ausbruch der Finanz- und Euro-Krise. Dabei sind in Deutschland weniger als zehn Prozent der Altersgruppe betroffen. Weniger als vor der Krise also, während die Situation in Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei mit mehr als 25 Prozent nach wie vor dramatisch ist. Weil gerade in Europa in den kommenden Jahren kein hohes Wachstum erwartet wird, wird sich die Lage nicht einfach so verbessern, schreiben die Autoren.

Sie fürchten, dass junge Menschen vom Radar verschwinden: 20 Millionen von ihnen seien zwar mit der Ausbildung fertig, suchten aber gar nicht aktiv nach einem Job. Die OECD ruft die Regierungen auf, diese jungen Menschen besser zu identifizieren - Institutionen müssten sich darum kümmern, dass sie von der Ausbildung in eine Arbeit kommen, ohne durch den Rost zu fallen. Die Autoren schlagen vor, Sozialleistungen stärker an die Verpflichtung zu knüpfen, sich bei Qualifizierungs-Institutionen zu melden oder Trainingsmaßnahmen zu beginnen.

Nicht allein die Krise ist für die hohe Jugendarbeitslosigkeit verantwortlich

Insgesamt zeigt die Studie: Die Jugendarbeitslosigkeit ist in vielen Euro-Krisenstaaten besonders hoch, aber das liegt nicht nur an der Krise. So sind junge Menschen in Staaten wie den Niederlanden oder Finnland besonders fit: Sie schneiden bei Kriterien wie Lesen, Schreiben, Rechnen oder Integration junger Menschen in den Arbeitsmarkt häufig gut ab. Krisenstaaten wie Spanien, Italien oder Irland schneiden bei diesen Kriterien dagegen häufig schlecht ab.

Seine Chancen auf einen Job deutlich erhöhen kann ein junger Mensch durch Bildung. So verbessert sich etwa das Lesen und Schreiben von Kindern aus benachteiligten Familien stark, wenn sie schon vor der Grundschule gefördert werden. Die OECD predigt erneut, was sie und viele Forscher schon länger predigen: Je früher im Leben ein Staat für Bildung sorgt, desto besser. 40 Prozent der Jugendlichen in den Industriestaaten, die vor der Oberschule abgehen, haben Schwächen beim Rechnen, Lesen und Schreiben.

Kritik an zu wenig Praxisnähe - Deutschland jedoch Vorbild

Kritisch sehen die Wissenschaftler der Organisation, dass der schulische Werdegang vieler junger Menschen oft wenig berufsnah sei. So orientierten sich nur bei der Hälfte der Absolventen einer Ausbildung und bei nur 40 Prozent der Studierenden die Lerninhalte stark an den Wirklichkeiten in Unternehmen. Das könne schnell zum Nachteil werden: "Viele Firmen stellen keinen an, der ohne praktische Erfahrungen ist." Ausbildungsstätten und Arbeitgeber sollten zusammenarbeiten, um für mehr Praxisnähe zu sorgen. Das deutsche System der Lehrlinge, die sowohl in einer Berufsschule wie in einem Betrieb lernen, wird international oft gelobt. In den vergangenen Jahren bemühten sich manche anderen Staaten, Elemente des deutschen Systems zu übernehmen.

Insgesamt konzedieren die OECD-Autoren, dass viele Länder in den zurückliegenden Jahren bereits einige Anstrengungen unternommen haben, um die Bildung und Ausbildung junger Menschen zu verbessern. Sie richten daher ihr Augenmerk auch darauf, was Arbeitsmarktpolitik leisten könnte.

Jeder Vierte hat nur einen befristeten Vertrag

Die Abkehr vom komplett sozialversicherten Vollzeitjob schlägt sich auch und gerade in der Realität jüngerer Menschen nieder. So hat jeder vierte nur einen befristeten Vertrag und damit am Arbeitsplatz zum Beispiel oft auch weniger Möglichkeiten, sich weiter zu qualifizieren. Zwar werden in allen Industriestaaten Berufsanfänger weitaus häufiger befristet eingestellt als ältere Arbeitnehmer. In Deutschland allerdings ist der Unterschied zwischen 15- bis 24-Jährigen und den 25- bis 54-Jährigen so groß wie in fast keinem anderen Industrieland.

Die OECD sieht die Gefahr, dass solche Jobs zu einer Sackgasse werden und die Menschen irgendwann arbeitslos. Sie sieht zudem eine Asymmetrie bei Rechten wie dem Kündigungsschutz: Sie helfen generell Arbeitnehmern, nutzen jedoch vor allem jenen Job-Insidern, die bereits einen Dauer-Arbeitsplatz haben, auf den andere noch warten.

Diese Asymmetrie sollten Regierungen reduzieren, denn sie mache es für Unternehmen teuer, Zeitverträge in dauerhafte Stellen umzuwandeln. Die OECD ruft auch dazu auf, Mindestlöhne, Steuern und Sozialleistungen zu überprüfen - und gegebenenfalls zu reduzieren, damit es für Arbeitgeber günstiger wird, junge Menschen mit wenig Berufserfahrung einzustellen.