Studie der Bundesbank Die Deutschen wollen nicht vom Bargeld lassen

Noch immer werden in Deutschland etwa drei von vier Zahlungen an der Ladenkasse in bar geleistet.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Im Schnitt hat jeder Verbraucher hierzulande 107 Euro in seinem Geldbeutel und hebt monatlich 615 Euro in bar ab.
  • Die Beziehung der Deutschen zum Bargeld bleibt innig. Doch es gibt Anzeichen, dass sich das ändert.
Von Markus Zydra, Frankfurt

In der schwedischen Hauptstadt Stockholm klebt auf den Eingangstüren vieler Restaurants der dringende Hinweis an die Kunden: "Wir nehmen kein Bargeld". In Frankfurt ist es hingegen gar nicht so unüblich, dass Lokale ausdrücklich auf Barzahlung bestehen. Cash oder Geldkarte? Es ist eine Glaubensfrage.

Die Deutschen mögen Scheine und Münzen. Beides gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit und Ausgabenkontrolle. Im Durchschnitt hat jeder Verbraucher hierzulande 107 Euro in seinem Geldbeutel, er hebt monatlich 615 Euro in bar ab und geht dazu jedes Jahr 42 Mal an den Bankautomaten. Gemessen am Umsatz werden 48 Prozent der Einkäufe an der Ladenkasse in bar bezahlt. Das hat die Bundesbank in ihrer Untersuchung zum Zahlungsverhalten in Deutschland herausgefunden, die am Mittwoch veröffentlicht wurde.

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"Der Euro als Bargeld ist ein intensiv genutztes Zahlungsmittel, und das wird auch so bleiben", sagte Bundesbankpräsident Jens Weidmann zur Eröffnung des Bargeldsymposiums der Notenbank. Noch immer würden in Deutschland etwa drei von vier Zahlungen an der Ladenkasse in bar geleistet, und damit stehe Deutschland nicht einmal an der Spitze der Bargeldnutzung im Euro-Raum, sagte Weidmann. "In Österreich und den südeuropäischen Ländern ist der Anteil noch höher."

In den USA gibt es einflussreiche Wissenschaftskreise, die eine Abschaffung des Bargelds propagieren. Dadurch ließen sich Terror, Kriminalität, Steuerflucht, illegale Einwanderung und Schwarzarbeit eindämmen. Doch was ist mit der Freiheit der rechtschaffenen Bürger? Wenn es kein Bargeld mehr gäbe, hätten Sparer keine Möglichkeit mehr, ihr Geld bei der Bank abzuheben, sagen die Kritiker. Sie befürchten, dass Zentralbanken im Zuge einer wirtschaftlichen Rezession hohe Strafzinsen einführen würden, um die Wirtschaft anzukurbeln. Verbraucher wären praktisch gezwungen, ihr Geld auszugeben, um es vor einer schnellen Entwertung zu schützen.

Meist geht es um Zahlungen von bis zu 50 Euro

Nachdem in Europa vereinzelt Obergrenzen für Bargeldzahlungen eingeführt wurden und die Europäische Zentralbank 2016 beschlossen hatte, die 500-Euro-Banknote langsam aus dem Verkehr zu ziehen, waren viele Deutsche beunruhigt: Ist das der Anfang der Bargeldabschaffung, die kaum jemand will? Die Bundesbank-Studie ergab, dass 88 Prozent der Bevölkerung in Deutschland auch in Zukunft die Möglichkeit haben möchten, mit Bargeld zu bezahlen. Auch die Bundesbank ist gegen ein Bargeldverbot, man müsse es den Menschen selbst überlassen, wie sie bezahlen. "Der Staat hat die Infrastruktur-Verantwortung zum Schutz des Bargelds", sagte der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio beim Symposium. "Sein Geld unter der Matratze bunkern zu können, ist eine wichtige psychologische Erfahrung."

Der Bargeldumlauf in der Euro-Zone hat sich zwischen 2004 und 2017 auf 1,1 Billionen Euro mehr als verdoppelt. Die Bundesbank brachte mit 635 Milliarden Euro mehr als die Hälfte davon in Umlauf. "Die Lage Deutschlands nahe Osteuropa und der Schweiz sowie der Frankfurter Flughafen sind einige Gründe dafür", sagt Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele, der für den Bargeld- und Zahlungsverkehr zuständig ist. Etwa die Hälfte des von der Bundesbank ausgegebenen Euro-Bargelds werde außerhalb der Euro-Zone gehortet. Menschen, die in Ländern mit schwachen Währungen lebten, würden ihr Vermögen in Euro umtauschen. Etwa 40 Prozent des Bargelds, so Thiele, werde innerhalb der Euro-Zone gehortet, und nur zehn Prozent der 635 Milliarden Euro werde an der Ladenkasse zur Barzahlung verwendet. Dabei geht es meist um Zahlungen von bis zu 50 Euro. Bei höheren Summen setzen die Verbraucher mehrheitlich ihre Debit-Karten ein, so die Studie.

Bis Ende des Jahres wollen alle Banken eine App fürs Zahlen anbieten

Bar bezahlt werden häufig Ausgaben für Freizeitaktivitäten, Restaurant- und Kneipenbesuche sowie Dienstleistungen im Haushalt. Die Mehrheit der Befragten schätzen am Bargeld die Vertrautheit. Zudem könnten Eltern ihre Kinder mit Bargeld besser an den Umgang mit Geld heranführen.

Bundesbankpräsident Weidmann erwartet, dass sich die Bargeldnutzung langfristig auch in Deutschland ändern und der bargeldlose Zahlungsverkehr allmählich an Bedeutung gewinnen werde. Es ist auch eine Generationenfrage. Viele junge Menschen hängen weniger am Bargeld, sie empfinden den bargeldlosen Zahlungsverkehr als modern, praktisch und auch sicher. Die Bundesbank-Umfrage ergab, dass fünf Prozent der Bevölkerung eine App nutzen, die einen Geldtransfer mit dem Mobiltelefon erlaubt. Bis Ende des Jahres wollen alle Banken in Deutschland Apps für Echtzeitzahlungen anbieten. Dann ist das Geld binnen zehn Sekunden auf dem eigenen Konto eingegangen - oder abgebucht.

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