Stromkonzerne Angriff auf das Netz der Mächtigen

Zoff gegen die großen Netzbetreiber: Die Grünen wollen die Energiewende beschleunigen - und Stromkonzerne notfalls zerschlagen oder enteignen.

Von M. Balser u. M. Bauchmüller

Wie man die Grünen richtig auf die Palme bringt - die CDU hat es herausgefunden. Seit dieser Woche betreibt sie im Internet die Homepage "die-dagegen-partei.de". Auf einer Deutschland-Karte listet die Union lauter Projekte auf, die auf den Widerstand der Grünen treffen. Den Tiefbahnhof Stuttgart 21 etwa, die Berliner Stadtautobahn - und neue Stromnetze: Die Grünen seien gegen den Bau einer Stromtrasse in Niedersachsen, klagt die Union. "Sie blockieren damit einen zukunftsfähigen Netzausbau", mit dem grüner Windstrom erst zu den Verbrauchern komme. Ausgerechnet Ökostrom: Das tut weh.

Die Bundestagsfraktion der Grünen kontert nun mit einem neuen Konzept für den Ausbau der Stromnetze - und fordert mehr Erdkabel und einen stärkeren Einfluss der öffentlichen Hand.

In dem Papier, das der SZ vorliegt, verlangen die Grünen einen beschleunigten Ausbau der Netze und drohen der Energiebranche Einschnitte an. "Die Bundesregierung hat den Netzausbau vernachlässigt", sagt Ingrid Nestle, Sprecherin für Energiewirtschaft der Grünen-Fraktion.

Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) bezifferte den Neubaubedarf kürzlich auf 1700 bis 3600 Kilometer, je nach Technik. Die Stromleitungen sind nötig, um wachsende Mengen an Windstrom von Nord nach Süd zu transportieren. Das deutsche Stromnetz, ausgelegt vor allem für Kraftwerke in der Nähe der Ballungszentren, wäre damit überfordert. Entstanden sind bislang allerdings nur 100 Kilometer neue Stromleitungen.

Vor allem auf große Netzbetreiber wollen die Grünen deshalb den Druck erhöhen. "Die Energiekonzerne konnten den Ausbau zu lange selbst blockieren", klagt Nestle. Die Netzbetreiber sollten stärker in die Pflicht genommen und bei verschlepptem Ausbau sanktioniert werden, heißt es im Papier. Auch müssten die Leitungen der regionalen Verteilnetze künftig grundsätzlich unterirdisch verlaufen. Und in sensiblen Gebieten müssten selbst Höchstspannungsleitungen, die Stromautobahnen, unter die Erde.

Druck sollen die Betreiber künftig vor allem von der öffentlichen Hand bekommen: "Wir wollen Energieerzeugung und Netzbetrieb in Deutschland auf der Höchstspannungsebene eigentumsrechtlich trennen und die Netze unter öffentliche Kontrolle bringen." Der Netzausbau werde nur gelingen, wenn der Staat über die Instrumente verfügt, um Investitionen in die Netze durchzusetzen.

Erdkabel sind richtig teuer

Die Strombranche will von alldem nichts wissen. "Wer Akzeptanzprobleme für den Ausbau der Transportnetze durch eine weitergehende Verstaatlichung lösen will, ist auf dem Holzweg", kritisierte Hildegard Müller, Chefin des Stromverbands BDEW. "Dadurch würde nicht eines der Probleme des Netzausbaus wie lokale Widerstände oder lange Planungs- und Genehmigungsverfahren gelöst." Auch sollten die Grünen erst einmal abwarten, welche Ergebnisse Pilotprojekte für die Erdverkabelung bringen, ehe sie dafür auch bei Stromautobahnen eintreten, forderte Müller.

Erste Projekte für unterirdische Höchstspannungskabel gibt es schon, etwa in Niedersachsen. Viele technische Fragen würden dabei erst geklärt, heißt es beim niederländischen Netzbetreiber Tennet, der das ehemalige Eon-Fernnetz führt. Bei regionalen Verteilnetzen, die Strom in einer geringeren Spannung transportieren, ist die Technik weiter. Staaten wie Dänemark schreiben sie jetzt schon vor.

Allerdings sind die Erdkabel auch um das Vier- bis Siebenfache teurer als herkömmliche Freileitungen. Auch die Dena sieht in ihrer Netzstudie enorme Kostenunterschiede. So koste der Umbau mit herkömmlicher Technik knapp zehn, mit unterirdischen Leitungen dagegen 22 bis 29 Milliarden Euro. Allerdings fallen die Kosten erst mit den Jahren an und werden auf alle Stromkunden umgelegt. Dadurch blieben sie verkraftbar, sagte Nestle.

"Der Strompreisanstieg kann pro Haushalt bei 50 Cent im Monat liegen." Die Grünen-Fraktion will diesen Donnerstag über den Vorstoß debattieren. Soll am Ende keiner sagen können, die Partei nenne keine Alternativen. Nicht mal die CDU.