Streit um Schlachthof Angst vor der Masse

Mast- und Schlachtbetriebe brauchen mehr Platz. Deswegen erschließen sie neue Regionen - wie in Wietze. Dort soll der größte Geflügelschlachthof Europas entstehen. Kritiker schlagen Alarm.

Von Stefan Lakeband

Die Zahlen sprechen für sich: Allein im ersten Quartal 2010 wurden 339.000 Tonnen Geflügel geschlachtet, ein Plus von mehr als zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Besonders beliebt bei den Produzenten des Fleischs ist Niedersachsen. "Fast 65 Prozent des gesamten Geflügelfleischs in Deutschland kommt aus Niedersachen", sagt Albert Hortmann-Scholte von der Landwirtschaftskammer Niedersachen.

Kernregion für die Geflügelmast und -schlachtung ist immer noch das Emsland im Westen Niedersachsens. Doch da stehen die fleischverarbeitenden Betriebe mittlerweile vor einem Problem: "Das Emsland ist voll", sagt Hortmann-Scholte. "Es gibt keine Wachstumspotentiale mehr und zu wenig freie Flächen." Deswegen plant Emsland Frischgeflügel Europas größten Geflügelschlachthof in Wietze bei Celle. Dort, etwa 250 Kilometer vom Emsland entfernt, sei noch genug Platz.

Die Ausmaße des für 2011 geplanten Schlachthofs sind enorm: Wenn die Anlage voll ausgebaut ist, sollen dort bis zu 27.000 Tiere pro Stunde geschlachtet werden. Das sind mehr als 134 Millionen pro Jahr. Um diese Zahl an Schlachtungen zu erreichen, müssten bis zu 400 neue Mastställe in der Region entstehen, die den Schlachthof mit Tieren versorgen. Zahlreiche neue Jobs sollen entstehen, heißt es.

Protestcamp gegen Mega-Schlachthof

Gegen diese Pläne regt sich jedoch Widerstand. Die Bürgerinitiative Wietze (BI) läuft Sturm gegen das Projekt und warnt vor den Folgen für die Umwelt und den Tourismus. Der Grundwasserpegel könne sinken, Schlacht- und Mastbetriebe zur Geruchsbelästigung werden und die geplanten 100 Lkw-Transporte pro Tag zu Verkehrschaos führen, so die Befürchtungen der BI. Außerdem sei die Tierhaltung in den Mastbetrieben nicht artgerecht.

Wilfried Fleming, Geschäftsführer von Emsland Frischgeflügel, wehrt sich vehement gegen die Bedenken der BI: "Das sind wenige Leute, die sehr viel Wind machen. Sie übertreiben, lügen und argumentieren mit falschen Zahlen." Trotz des Gegenwinds habe man noch nicht darüber nachgedacht, einen anderen Standort zu suchen. "Der Rückhalt in der Bevölkerung ist sehr groß, weil wir neue Arbeitsplätze schaffen und den Landwirten in der Region eine alternative Einnahmequelle geben." Zudem ist die Baugenehmigung für den Schlachthof schon erteilt worden.

Bis das Gelände mit dem Geflügelschlachthof bebaut werden kann, wird es wohl aber noch ein wenig dauern. Seit dem 23. Mai campieren 20 bis 30 Tierschützer auf dem Grundstück und wollen damit die Anlage verhindern und gegen die Massentierhaltung protestieren. Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es auch anders geht.

Den langsamen Abschied von dieser Art der Tierhaltung haben die Niederlande vor einiger Zeit beschritten. "Die Tierbesatzdichte war in den achtziger Jahren in Holland sehr hoch", so Hortmann-Scholte. Das habe zu Konflikten mit der Bevölkerung geführt. Um den Bauern den Ausstieg aus dem Mastbetrieb zu erleichtern, hat die Regierung eine Art Abwrackprämie für die Schließung der Betriebe gezahlt. Von solchen Schritten sei man in der Bundesrepublik aber noch sehr weit entfernt, so Hortmann-Scholte. Ganz im Gegenteil: Viele niederländische Bauern haben mit der Prämie neue Mastbetriebe in Deutschland eröffnet.