Digitales Angebot für Fahrgäste Großer Ärger um kleines Taxi-Programm

Die digitale Welt wirbelt die Taxi-Branche durcheinander: Ein Hamburger Start-up vermittelt über eine Smartphone-App Taxifahrten - der herkömmliche Funk könnte bald überflüssig sein. Die Taxizentralen sind empört, mittlerweile beschäftigt der Streit sogar die Justiz.

Von Veronika Bürklin

"Kunde wartet an der Ecke Hauptstraße, Gartenstraße" heißt es etwas rauschend aus dem Funkgerät. Die schnelle Reaktion: "Bin in der Nähe, fahre sofort hin." Tagtäglich gibt es in den Taxen dieses Landes Tausende solcher Dialoge. Denn die meisten Fahrer sind mit einer Zentrale verbunden - um lange Wartezeiten zu vermeiden und nicht auf Laufkundschaft angewiesen zu sein. Etwa 500 solcher Taxizentralen gibt es in Deutschland, ungefähr 40.000 Fahrer sind ihnen angeschlossen. Sie werden angefunkt und an einen wartenden Fahrgast vermittelt. Ein System, das seit Jahrzehnten funktioniert - doch es scheint, als habe es sich überlebt.

Denn in der Taxi-Branche tobt ein heftiger Streit: Immer mehr Fahrer nutzen neben dem herkömmlichen Funk zusätzlich ein Alleskönnerhandy, ein Smartphone, um Kunden zu gewinnen. Die Taxizentralen sehen das nicht gern. Einige drohen ihren Fahrern sogar mit Kündigung des Vermittlungsvertrags. Mittlerweile ist die Debatte ein Fall für die Justiz. Das Oberlandesgericht Frankfurt entschied kürzlich, dieses Verhalten der Taxizentralen sei wettbewerbswidrig. Die Bundeswettbewerbsbehörde in Wien, wo die Handy-Vermittlung ebenfalls populär ist, wird diese Woche eine Klage einreichen, das Urteil ist in den kommenden vier Monaten zu erwarten.

Auslöser für den Streit ist eine Smartphone-Applikation, also ein Mini-Programm, das per Knopfdruck eine Verbindung zwischen Kunden und Fahrer herstellt und so Fahrten vermittelt. Die Zentrale ist nicht mehr nötig, sie wird umgangen. Ein Geschäftsmodell, das die Funkzentralen in ihrer Existenz bedroht. Die Idee für ihre Taxi-App namens myTaxi hatten die Hamburger Sven Külper und Niclaus Mewes im Morgengrauen vor den Türen eines Münchner Nachtclubs. Sie brauchten ein Taxi, hatten aber keine Ahnung, wo sie genau waren - ihr Handy schon. Ein Jahr Planungszeit später drückten die beiden 2010 den ersten Taxifahrern in Hamburg ein Smartphone in die Hand und starteten ihre Firma.

Heute ist myTaxi in 22 Städten Deutschlands vertreten, alleine in den vergangenen zehn Monaten haben sie mehr als 4000 Fahrer für sich gewonnen. Auch in Wien drängt myTaxi auf den Taximarkt, an einem Lizenzmodell für die Niederlande wird derzeit gearbeitet, London und Sydney sind in Planung. Das Geschäftsmodell: Die Fahrer zahlen 79 Cent je erfolgreich vermittelter myTaxi-Fahrt. Herkömmliche Zentralen verlangen dagegen monatlich etwa 200 Euro für die Vermittlung über Funk. "Pro Auto ist myTaxi fast um die Hälfte billiger", sagt Sven Wefels, ein Taxifahrer aus Hamburg. myTaxi-Chef Sven Külper sieht einen weiteren Vorteil: "Die Fahrer können selbstbestimmt arbeiten und sich einen persönlichen Kundenstamm aufbauen."

Das Modell funktioniert so: Die potentiellen Fahrgäste laden das kleine Programm auf ihr Alleskönnerhandy herunter, das dank des Satelliten-Navigationssystems GPS stets erkennt, wo sich der Nutzer befindet. Die Applikation zeigt an, welche freien Taxis in der Nähe sind. Die Fahrgäste suchen sich eins aus und drücken auf den Bestellknopf. Das Handy übermittelt dem Fahrer dann den Standort des Interessenten. Der Kunde kann auf dem Handy-Bildschirm nachverfolgen, wie sich das Taxi nähert. Ein Foto des Fahrers gibt es auch. Die Software weiß, welche Taxen frei sind, weil die Fahrer auf ihren Smartphones angeben, ob sie einen Gast haben. Die Position der Taxen übertragen die Handys der Fahrer ebenfalls an myTaxi.

Es ist nicht so, dass die Zentralen die Entwicklung einer Taxi-App verschlafen hätten. Sechs Wochen nach dem Start von myTaxi kam etwa die App der Taxi-eG-München auf den Markt. Doch myTaxi hatte den Vorteil, über zahlungskräftige Helfer zu verfügen: Der Investor T-Venture und die Beteiligungsfirma E42 finanzierten dem Start-up Werbung und Wachstum. "Wir haben mit Risiko investiert. Wie sich der Markt entwickelt, wird man sehen", sagt Thomas Grota, Senior Investment Manager der Telekom-Tochter T-Venture.