Streit bei Wüstenstromprojekt "75 Prozent haben wir noch vor uns"

Die Ziele bleiben schillernd, doch in den Augen mancher Gesellschafter schwindet die Hoffnung, dass daraus etwas wird. Sie kritisieren hinter vorgehaltener Hand, dass die Dii mit der Entscheidung vom Dienstag eine Chance für einen echten Neuanfang mit neuer Spitze verspielt habe. Demnach hätten sich Gesellschafter die Ablösung beider Chefs gewünscht. Nun müsse van Son mit einem Management zusammenarbeiten, das sich gegen ihn ausgesprochen habe.

Nach Angaben aus Kreisen der Dii war der Streit in den vergangenen Tagen erneut eskaliert. Wieland habe in einem internen Schreiben einen Putschverdacht aus dem Lager ihres niederländischen Rivalen van Son scharf zurückgewiesen, heißt es aus dem Kreis der Gesellschafter. Ziel der Debatte sei es nicht, allein auf dem Chefposten zu sitzen, so Wieland. Es gehe vielmehr um strategische Differenzen von zentralster Bedeutung, heißt es in dem Papier. Entnervt von dem anhaltenden Streit waren in den vergangenen Monaten bereits mehrere Gesellschafter aus dem Projekt ausgestiegen. Zuletzt war auch noch der Namensgeber, die gemeinnützige Desertec-Stiftung abgesprungen. Die Konzerne Bosch und Siemens hatten die Dii bereits verlassen.

Die Deutsche Energieagentur (Dena) warb am Dienstag dafür, die Desertec-Idee weiterzuverfolgen. Die Energie aus Wüstenkraftwerken könne in Zukunft für Europa eine zentrale Bedeutung bekommen, sagte Dena-Chef Stephan Kohler der SZ. Bislang stammten erst 25 Prozent des erzeugten Stroms in Deutschland aus grünen Quellen. Damit sei erst ein Teil der Energiewende geschafft. "75 Prozent haben wir noch vor uns."

Kohler sprach sich dafür aus, das Projekt flexibler anzulegen. Noch gebe es in Europa keine Engpässe. Es sei sinnvoll, den erzeugten Strom zunächst in Nordafrika und dem Nahen Osten zu verbrauchen und auf mittlere Sicht Energieexporte nach Europa zu planen. Dies könne über Strom geschehen, aber auch über aus dem Strom erzeugtes Gas, weil es sich leichter transportieren und speichern lasse. "Es wäre ein Fehler, sich heute für ein bestimmtes System zu entscheiden, ohne die Techniken der Zukunft zu kennen", sagte Kohler.

Möglicherweise ahnte Wieland, was kommt: Es klang nach Abschied, als die Co-Geschäftsführerin kürzlich an die Gesellschafter schrieb: "Sie haben Regierungen, die Wirtschaft und Millionen Menschen inspiriert." Bei allem Trubel - die Desertec-Vision sei sehr lebendig. Aber sie brauche wohl einen Neustart.