Streik Wenn der Postmann sonntags liefert

Mit ihrem unbefristeten Streik kämpft die Gewerkschaft Verdi gegen die Einrichtung von Tochterfirmen im Post-Konzern, für die der Haustarifvertrag nicht mehr gelten soll.

(Foto: dpa)
  • Die Post hat Aushilfen am vergangenen Sonntag Pakete sortieren und austragen lassen, um die Folgen des Streiks abzumildern.
  • Die Gewerkschaft Verdi ist erzürnt, weil sie dadurch das Streikrecht unterlaufen sieht.
  • Interne Mails zeigen, wie sehr der Arbeitskampf dem Konzern inzwischen zusetzt.
Von Jannis Brühl und Detlef Esslinger

Die Gewerkschaft Verdi will die Sonntagsarbeit verhindern, mit der die Deutsche Post die Folgen des Streiks abmildern will. Nach Angaben aus der Gewerkschaft haben am Sonntag Werkvertragler, Leiharbeiter und Aushilfen Pakete zugestellt. Die stellvertretende Verdi-Chefin Andrea Kocsis erklärte, damit unterlaufe der Konzern "das grundgesetzlich garantierte Streikrecht". Zugleich haben mehrere Verdi-Funktionäre aus den Ländern an die dortigen Arbeitsminister geschrieben. So vertrat die bayerische Verdi-Chefin Luise Klemens den Standpunkt, es dürfe der Post "nicht zugestanden werden, einfach Sonntagsarbeit anzuordnen, ohne die Behörden vorher umfassend zu kontaktieren". Arbeitsministerin Emilia Müller (CSU) solle Sorge tragen, "dass die gesetzlichen Regelungen auch von der Deutschen Post eingehalten werden".

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Postmanager forderte intern einen "Befreiungsschlag"

Nach Ansicht des Unternehmens bedarf es einer solchen Sorge nicht. Die Sonntagsarbeit vom 21. Juni sei vom Arbeitszeitgesetz gedeckt, hieß es. Dieses erlaube Sonntagsarbeit unter anderem "in Verkehrsbetrieben" - wozu die Post sich zählt -, "sofern die Arbeiten nicht an Werktagen vorgenommen werden können". Mit der Sonntagsarbeit sollte Arbeit nachgeholt werden, die wegen des Streiks an den Werktagen zuvor ausgefallen war. Das CSU-geführte bayerische Arbeitsministerium unterstützte die Post. Das Unternehmen habe "plausibel dargelegt, warum Sonntagsarbeit nicht vermeidbar ist", sagte ein Sprecher. Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) hingegen sagte, er werde "prüfen, ob ein Bußgeld verhängt wird". Mit dem Vorgehen am Sonntag sei Vertrauen "zerschlagen" worden. "Wir setzen aber zunächst auf Aufklärung", sagte Schneider.

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Interne Mails aus dem Unternehmen zeigen, wie sehr der unbefristete Streik von Verdi dem Konzern zusetzt. Der Süddeutschen Zeitung liegt die E-Mail eines Postmanagers an Mitarbeiter vom vergangenen Mittwoch vor. Darin hieß es: "Wir brauchen einen Befreiungsschlag insbesondere bei Paket". Die Sonntagsarbeit sollte nicht nur mit normalem Arbeitslohn und Sonntagszuschlägen bezahlt werden, sondern auch mit einem "Gutschein in Höhe von 100 Euro". In Kassel fragte ein Abteilungsleiter seine Mitarbeiter per Mail, ob sie Angehörige oder Freunde hätten, die Pakete ausliefern möchten: "Bitte meldet euch bei Eurer Leitung, . . . wenn ihr Kleinunternehmer, Kneipen, Bäckereien oder andere Gewerbetreibende kennt, die einen solchen Job übernehmen könnten." In Flintsbach am Inn mietete sich die Post bei einer Spedition ein, um liegen gebliebene Sendungen noch lagern zu können.

Prospekte sollten "ordnungsgemäß vernichtet" werden

Und wenn das nicht möglich war, sollten Sendungen "ordnungsgemäß vernichtet" werden - so stand es bereits im Mai in der Mail eines Münchner Postmanagers, in der es um die Broschüre "Einkauf aktuell" ging. "Diese Maßnahme sollte so 'geräuschlos' wie möglich ablaufen, daher bitte keine Kommunikation mit unseren Absenderkunden (vor allem Real)." Bei der Handelskette fand man die Mail auf Anfrage "kurios" - es mache schließlich keinen Sinn, nach Ende des Streiks veraltete Broschüren zuzustellen, hieß es bei Real. Daher wäre es unproblematisch gewesen, hätte die Post sich bei ihrem Kunden gemeldet.

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