Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Die Zeit der sachlichen Argumentation ist längst passé: Die Bahn will nicht den Tarifkonflikt lösen, sondern die Lokführer-Gewerkschaft erledigen.

Nun also geht alles wieder von vorne los: Die Tarifverhandlungen zwischen der Bahn und der Lokführer-Gewerkschaft GDL sind endgültig gescheitert, von diesem Montag an wird gekämpft. Der Vorsitzende der Lokführer-Gewerkschaft GDL, Manfred Schell, wird Streiks für "unvermeidlich" erklären, die Bahn wird sich darein insofern fügen, als dass sie diesmal nicht vor die Arbeitsgerichte ziehen, sondern durch Notfallpläne den Streik so weit wie möglich unterlaufen will.

Streik bei der Bahn Bild vergrößern

Die Friedenspflicht ist abgelaufen: Um Mitternach endete das Ultimatum, am Montagvormittag will sich die GDL zu ihren Streikplänen äußern. (© Foto: ddp)

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Die Vermittlung durch die erfahrenen Tarifschlichter Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler war nur ein netter Versuch. Wenn sich ein Unternehmen mit einer Gewerkschaft nicht einigen will, nützt alle Vermittlung nichts.

Haben die Lokomotivführer wirklich einen eigenen Tarifvertrag verdient? Nein, haben sie eigentlich nicht - in dieser Frage hat das Unternehmen Deutsche Bahn die besseren Argumente: Lokführer - das ist kein Beruf, der mit ganz besonderen Belastungen verbunden ist. Zumindest mit keinen Belastungen, die exorbitant größer wären als die Belastungen von Schaffnern oder Arbeitern im Instandhaltungswerk - Nachtschichten und wechselnde Arbeitszeiten haben die auch.

Lokführer haben zwar eine hohe Verantwortung, aber keine, die noch höher wäre als die der Fahrdienstleiter in den Stellwerken und Betriebszentralen der Bahn: Die sind es nämlich, die in der modernen Eisenbahn die Züge steuern; würde sich ein Lokführer ihrem Befehl widersetzen (oder überhört er ihn bloß), wird sein Zug von der Technik automatisch gebremst.

Das Sachliche zum Warmwerden

Darin liegt ein großer Unterschied zum Beispiel zu Piloten - die müssen am Ende ihr Flugzeug immer noch selber auf den Boden und zum Halten bringen; ganz abgesehen davon, dass Piloten eine jahrelange Ausbildung absolvieren, an deren Kosten sie sich mit zigtausend Euro selbst beteiligen müssen. Den Beruf des Lokführers hingegen kann man in ein paar Monaten lernen. Dieser Tarifkonflikt hat deutlich gemacht: Hier versteht sich eine Berufsgruppe als die Elite unter den Eisenbahnern - sie ist es deswegen aber noch lange nicht.

Genau aus diesen Gründen mag sich der Bahn-Vorstand einem eigenen Tarifvertrag für die Lokführer widersetzen. Er vergisst dabei: Auf solche sachlichen Argumente kommt es hier schon seit Monaten nicht mehr an. Die Zeit, in der über Berechtigung oder Vermessenheit dieser Forderung diskutiert werden konnte, ist längst vorbei. Jede Tarifrunde, ob bei der Bahn oder anderswo, verläuft doch nach diesem Muster: Am Anfang wird über das streng Sachliche geredet, sozusagen zum Warmmachen. Am Ende aber geht es um die Durchsetzung von Interessen.

Tarifergebnisse sind dann vor allem das Ergebnis eines Interessenausgleichs, weniger der Argumente. So war es am Bau, wo die Arbeitgeber trotz immer noch labiler Geschäftslage Lohnsteigerungen von mehr als drei Prozent hinnehmen mussten. Und so wird es im Frühjahr im öffentlichen Dienst sein: Die Gewerkschaft Verdi würde sich selbst für überflüssig erklären, wenn sie als einzige große Arbeitnehmervertretung nichts für ihre Mitglieder herausholen würde.

Die Lokführer-Gewerkschaft GDL hat sich öffentlich und seit Monaten so sehr auf das Ziel eines eigenen Tarifvertrags festgelegt, dass sie auf diese Kernforderung, was immer man von ihr halten mag, gar nicht mehr verzichten kann. Es gibt diese Gewerkschaft seit 1867, die GDL ist die älteste Gewerkschaft in Deutschland. Man wird erwarten dürfen, dass sie von ihrer absurden Forderung nach 31 Prozent Gehaltserhöhung herunterkommt.

Aber würde sie jetzt auf den eigenen Tarifvertrag verzichten, könnte sie ihren Laden gleich dicht machen. Der Fundamentalismus, mit dem sich die Bahn-Manager dieser Kernforderung entziehen, deutet darauf hin, dass sie derzeit weniger den Tarifkonflikt als vielmehr die GDL erledigen wollen. Auf in den Kampf - bis einer nicht mehr kann.

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(SZ vom 1.10.2007)