Energiewende in Deutschland B wie billig, B wie Braunkohle

Zerstörte Landschaft, ausradierte Dörfer, miese Energie- und Klimabilanz: Braunkohle birgt viele Nachtteile. Trotzdem erlebt sie ausgerechnet in Zeiten der Energiewende eine Renaissance. Die Politik könnte gegensteuern - wenn sie sich denn einig wäre.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Am Anfang war ein Brunnen in Neurath, gut 150 Jahre ist das her. Beim Graben des Brunnens stießen die Neurather auf Braunkohle. Aus der Braunkohle wurden anfangs Briketts, später verbrannte sie in Kraftwerken zu Strom. Heute steht hier das modernste Braunkohlekraftwerk der Welt. Der Tagebau Garzweiler ist nur ein paar Kilometer entfernt und das benachbarte Grevenbroich nennt sich stolz "Bundeshauptstadt der Energie". Wenn das mal nicht von gestern ist.

Nirgendwo in Deutschland lässt sich Fluch und Segen der Braunkohle so bestaunen wie hier, im Rheinischen Braunkohlerevier. Im Dreieck zwischen Mönchengladbach, Köln und Aachen fressen sich die Schaufelradbagger durch die Landschaft, und wer eine der riesenhaften Abraumhalden erklommen hat, sieht in der Ferne Kraftwerke aufgereiht wie an einer Perlenschnur - Wolkenmaschinen der Moderne. Rund ein Siebtel des deutschen Stroms kommt von hier, allein im Rheinland hängen mehr als 10 000 Jobs an der Braunkohle. Keinen anderen Energierohstoff gibt es hierzulande so reichlich wie diesen. Und kaum ein anderer Energierohstoff macht so viele Probleme wie dieser. Das aber nicht nur wegen der vielen Dörfer, die Braunkohle-Tagebaue hierzulande schon gefordert haben.

Wärme, die keiner abnimmt

Es ist die miese Klimabilanz, die Deutschlands Rohstoff Nummer eins am stärksten belastet. Denn Braunkohle enthält viel Wasser, aber wenig Energie. Erzeugt man durch sie Strom, stößt sie dreimal so viel Kohlendioxid aus wie Erdgas und noch immer etwa 50 Prozent mehr als Steinkohle. Weil sie so wenig Energie enthält, lohnt sich auch der Transport über weite Strecken nicht. Stattdessen stehen die Kraftwerke stets in der Nähe der Tagebaue, sei es in Neurath oder Frimmersdorf bei Grevenbroich oder aber in Schwarze Pumpe, irgendwo zwischen Cottbus und Dresden. Abnehmer für die Wärme gibt es hier kaum, folglich müssen die Kraftwerke - anders als dezentrale Gasanlagen - einen Großteil ihrer Energie nutzlos in den Himmel ablassen. Entsprechend wenig Energie wird letztendlich genutzt. In den neuesten Kesseln des RWE-Kraftwerks Neurath sind es 43 Prozent. Anders gesagt: 57 Prozent gehen flöten.

Mitten in der Energiewende setzt Deutschland auf einen der schmutzigsten Energieträger: die Braunkohle.

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Dem Energiewende-Land Deutschland steht das gar nicht gut. Eigentlich sollte der Ausbau erneuerbarer Energien auch dabei helfen, die deutsche Treibhausgas-Bilanz weiter zu verbessern. Stattdessen stagniert sie, und die Erzeugung von Braunkohlestrom nimmt sogar noch zu - auch wegen neuer Kraftwerke wie in Neurath, die aus der Braunkohle mehr herausholen. 162 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugten Braunkohlemeiler im vorigen Jahr - mehr als jeder andere Energieträger und so viel wie seit 1990 nicht mehr. Derweil genehmigt die Landesregierung in Brandenburg dem Vattenfall-Konzern sogar einen neuen Tagebau. Energiewende? Welche Energiewende?