Stilllegung von AKW Eon bringt Bayern beim Atomausstieg in die Bredouille

Könnte früher vom Netz gehen: das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Schon im Frühjahr 2015 plant der Energiekonzern die Stilllegung des Reaktors Grafenrheinfeld - ein halbes Jahr früher als vorgesehen. Das könnte die Energieversorgung in Bayern gefährden. Möglicherweise sollen die Stromkunden für den Weiterbetrieb zahlen.

Von Michael Bauchmüller, Berlin, und Mike Szymanski

Drei Jahre nach dem Beschluss zum Atomausstieg müssen deutsche Stromkunden womöglich bald für den zwangsweisen Betrieb eines Atomkraftwerks (AKW) aufkommen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung plant der Energiekonzern Eon, sein AKW Grafenrheinfeld im Landkreis Schweinfurt schon im Frühjahr 2015 vom Netz zu nehmen - gut ein halbes Jahr früher als im Ausstiegsfahrplan vorgesehen. Dies könnte vorübergehend zu Engpässen bei der Stromversorgung in Bayern führen - weshalb das Kraftwerk möglicherweise als Notreserve weiterbetrieben werden muss. Die Kosten würden auf die Stromkunden umgelegt.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte der SZ: "Wir brauchen die Kapazitäten von Grafenrheinfeld 2015 noch für die Versorgungssicherheit." Zusammen mit Kanzleramt und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) müsse eine Lösung gefunden werden. Gabriel sieht das ähnlich. "Wir müssen alles tun, damit Versorgungssicherheit erhalten bleibt", sagte er. "Am Ausstiegsdatum für Grafenrheinfeld ändert das nichts." Auch Seehofer legt darauf Wert.

Bis vor Kurzem noch war auch die Bundesnetzagentur davon ausgegangen, dass eine vorzeitige Abschaltung von Grafenrheinfeld diese Sicherheit nicht beeinträchtige. Dem Vernehmen nach sind nun jedoch ungeplante Engpässe im Netz aufgetreten, etwa durch Wartungen. Der Netzbetreiber Tennet bestreitet dies vehement.

Eon könnte sich die Brennelementesteuer sparen wollen

Eon selbst wollte sich zu einer vorzeitigen Stilllegung am Donnerstag nicht äußern. Entscheidend sei, wie bei jedem Kraftwerk, die Wirtschaftlichkeit. In der Vergangenheit hatten die vier deutschen Atomkonzerne wiederholt geklagt, diese Wirtschaftlichkeit stehe durch die Kernbrennstoffsteuer infrage. Sie wird erhoben, sobald ein Reaktor mit neuen Brennstäben beladen wird. Den Informationen zufolge will sich Eon diese Kosten in Grafenrheinfeld durch das vorzeitige Abschalten sparen. Seehofer befürchtet, dass das AKW bereits nach dem nächsten Winter vom Netz genommen werden könnte.

Diskutiert werden derzeit zwei Möglichkeiten, das Kraftwerk weiterzubetreiben. So könne der Bund dem Konzern "steuerlich" entgegenkommen, sagte Seehofer, etwa durch eine Kürzung der 2010 eingeführten Brennelementesteuer. Konkret geht es dabei um etwa 80 Millionen Euro. Denkbar wäre aber auch, das Kraftwerk für "systemrelevant" zu erklären. In diesem Fall könnte die Bundesnetzagentur den Betrieb des Reaktors anordnen, als dringend notwendiges "Reserve-Kraftwerk". Die Kosten dafür würden auf die Stromkunden umgelegt - in diesem Fall deutlich mehr als 80 Millionen Euro.

Seehofer dringt auf eine rasche Lösung. "Wir müssen im Laufe der nächsten Woche Klarheit schaffen. Wenn möglich, schon in der ersten Hälfte der nächsten Woche." Der Vorfall zeige auch, wie wenig Verlass auf bisherige Stromnetz-Planungen sei.