Der durch den Fall Zumwinkel ausgelöste Steuerskandal zeigt: Wer viel Geld hat, kommt leichter zu dem Schluss, er dürfe den Staat und seine Regeln missachten.
Wenn jemand zwei Persönlichkeiten in sich vereint, dann ist er, medizinisch gesehen, ein Schizophrener. Wenn jemand im Fernsehen und in Ethik-Beiräten Ehrlichkeit predigt und den Werteverfall beklagt, gleichzeitig aber systematisch Steuern hinterzieht, ist er wahrscheinlich ein deutscher Großerbe oder Spitzenmanager.
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Das Logo der Bank Liechtenstein Global Trust vor dem Schloss in Liechtensteins Hauptstadt Vaduz (© Foto: AP)
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Grundsätzlich soll man nicht verallgemeinern. Weil aber die Staatsanwälte nun hinter Hunderten ebenso cleveren wie kriminellen Bestverdienern her sind, muss man sogar verallgemeinern. Es geht nicht um Einzelfälle, sondern um das Verhalten einer relativ großen Gruppe innerhalb einer relativ kleinen Minderheit. Von den insgesamt nicht so vielen Reichen in Deutschland haben erschreckend viele Teile ihrer Vermögen nach Liechtenstein geschafft. Sie haben das getan, weil der absurde Kleinstaat aus Eigennutz Ausländern ermöglicht, Geld so anzulegen, dass keiner etwas davon erfährt. In Vaduz nennt man das Service, in Deutschland ist es eine Straftat.
Klaus Zumwinkel, der Post-Chef, ist ein prominentes Beispiel für eine bedenkliche Entwicklung. Weder zählt er zu jenen millionenschweren Wichtigtuern mit Seidentuch und stets zu lautem Lachen noch zu den Wirtschaftsdarwinisten und Talkshow-Bewohnern. Er galt als ganz okay und bei vielen Postlern nicht einmal als arrogant. Er ist ein Durchschnittsmillionär.
Regeln werden selbst bestimmt
In Wirklichkeit aber lebte auch er offenbar nach der Devise: Ich habe so viel Geld, dass ich selbst bestimme, welche Regeln für mich gelten. Natürlich wusste Zumwinkel, dass die Millionen in Liechtenstein gegen Moral und Gesetz seines Heimatlandes verstießen. Aber erstens zahlt man ja sowieso so viel Steuern, zweitens ist es jahrelang gut gegangen mit der Stiftung, und drittens machen es doch alle...
Nein, es machen nicht alle. Aber es machen viel zu viele. In etlichen Golfclubs und an noch mehr Stammtischen führen die das Wort, die sich damit brüsten, wie sie das Finanzamt, die Arbeitsagentur oder die Krankenkasse austricksen. Der Staat wird von viel zu vielen grinsend, pardon, beschissen - von Hartz-IV-Empfängern, von Angestellten, von Millionären.
Raffzahn-Mentalität nimmt zu
Die im Betrug vereinten Schlauberger jeden Besitzstandes interessieren sich mehr dafür, wie man Gesetze umgeht, als dass sie sich dafür interessierten, warum und zu wessen Wohl diese Gesetze erlassen worden sind. Für die res publica, den Staat als Angelegenheit aller, haben zu viele nur noch Missachtung bis hin zur Verachtung übrig. Dies ist auch eine Folge der Raffzahn-Mentalität, die in den achtziger Jahren begann.
Die Tatsache, dass in allen Schichten betrogen wird, mindert nicht die Verantwortung der besonders vermögenden Betrüger. Die meisten von ihnen gebieten nicht nur über Besitz, sondern als Eigentümer oder Vorstandschefs auch über Menschen. Warum sollte man in der Firma keine silbernen Löffel klauen, wenn der Boss seine Silberbarren nach Liechtenstein schafft?
(SZ vom 16./17.2.2008/mako)