Steueraffäre der Deutschen Bank Verhängnisvolles Telefonat eines Spitzenjuristen

Razzia bei der Deutschen Bank in Frankfurt: Ein Mitarbeiter soll Kollegen vor der Durchsuchung gewarnt haben.

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Ein Syndikus der Deutschen Bank soll Kollegen vor einer Razzia wegen Steuerbetrugs aufgefordert haben, den Ermittlern Material vorzuenthalten. Staatsanwälte betrachten das als Versuch, die Justiz in die Irre zu führen. Im Geldinstitut wird dieser Vorwurf als abwegig betrachtet.

Von Hans Leyendecker, Klaus Ott und Andrea Rexer

Wer einen Geheimdienst verstehen will, muss seine Sprache begreifen. Der Begriff "WWW-Übersicht" steht beim Bundesnachrichtendienst (BND) für "Wer weiß was?" und "Schweigefunker" ist die Bezeichnung für einen Außenfunker im Feindgebiet, der erst nach Kampfbeginn seine Arbeit aufnimmt. Gibt es solche Codes auch in der Welt der Deutschen Bank?

In der Affäre um Steuerhinterziehung in großem Stil beim Handel mit Verschmutzungsrechten sollen Manager des Geldhauses Unterlagen vernichtet haben, nachdem ein Syndikus der Rechtsabteilung verklausuliert Kollegen aus der Sparte IT vor einer Durchsuchung gewarnt habe. Der Spitzenjurist der Bank soll in einem von den Ermittlern abgehörten Telefonat mit einem der Schmutzrechte-Händler aus dem Institut erklärt haben, es müsse vermieden werden, dass die Ermittler "körperlichen Zugriff" auf die Daten bekämen und sich selbst auf die EDV-Anlage aufschalten könnten, um in E-Mails zu stöbern. Und das ist noch nicht alles.

Mitarbeiter des IT-Bereichs wiederum sollen diese für einen Syndikus nicht ungewöhnliche Anweisung als Auftrag verstanden haben, E-Mails zu vernichten. Die Korrespondenz zu mutmaßlich kriminellen Geschäften sollte, so der Verdacht, bei der Durchsuchung des Geldhauses am 28. April 2010 nicht gefunden werden. Die Razzia war wegen eines Lecks in den Behörden der Deutschen Bank vorab bekannt gewesen. Daraufhin beratschlagten am Vorabend der Razzia Händler des Instituts untereinander und mit dem Syndikus, was zu tun sei.

Monatelange Vorbereitungen

Was sie nicht wussten: Sie wurden abgehört. Als die in diesem Fall ermittelnde Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und das Bundeskriminalamt zwei Jahre später entdeckten, dass ihnen E-Mails vorenthalten worden seien, kam ihnen ein böser Verdacht. Die Deutsche Bank habe versucht, Straftaten zu vertuschen.

Nach monatelanger Vorbereitung schlugen die Staatsanwälte diese Woche erneut zu. Deutschlands größtes Geldhaus wurde wieder gefilzt. Vier Angestellte sitzen nun in Untersuchungshaft. Der Syndikus, der vor der ersten Razzia die telefonische Ratschläge erteilt hatte. Ein weiterer Mitarbeiter der Rechtsabteilung sowie jeweils ein IT- und ein Geldwäschespezialist. Ein weiterer IT-Mann, gegen den ebenfalls ein Haftbefehl vorliegt, wird wegen seiner schlechten Gesundheit geschont.

Es geht um einen der ganz großen Fälle im weiten Reich der Wirtschaftskriminalität. Mehr als 150 Beschuldigte aus ganz Europa und der halben Welt sollen den deutschen Fiskus mit sogenannten Umsatzsteuer-Karussellen um viele Hundert Millionen Euro betrogen haben. Sechs frühere Geschäftspartner der Deutschen Bank sind bereits zu teils langen Haftstrafen verurteilt worden.