Steinkohlekraftwerk Datteln Kühe statt Kühlturm

Es sollte das größte Steinkohlekraftwerk Europas werden, doch nun könnte Datteln für den Energiekonzern Eon zu einem Milliarden-Fiasko werden. Selbst ein Rückbau ist nicht ausgeschlossen.

Von Markus Balser

Die Baustelle der Superlative liegt kurz hinter Datteln. Ein paar hundert Meter von den nächsten Wohnhäusern und nur einen Steinwurf vom Dortmund-Ems-Kanal entfernt baut der Energiekonzern Eon auf der größten Baustelle des Kontinents derzeit das größte Steinkohlekraftwerk Europas. Ein 180 Meter hohe Kühlturm steht schon, 2600 Bauarbeiter ziehen für 1,2 Milliarden Euro Nebengebäude hoch. Schon im nächsten Jahr sollte eigentlich Strom fließen. Doch seit Montag ist klar: Deutschlands Energiekonzern Nummer eins droht eine Investitionsruine.

Was selbst verärgerte Anrainer nicht mehr für möglich hielten, rückt näher. Statt eines Kühlturms könnten sie bald wieder auf Kühe und grüne Wiesen schauen. Am Montag reichte der Bund für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland (BUND) beim zuständigen Gericht in Münster einen Antrag für den sofortigen Baustopp ein. Die Chancen, stehen gut, seit vergangene Woche das Oberverwaltungsgericht Münster (OVG) entschied, das Kraftwerk verfüge über keine gültige Baugenehmigung.

"Komplizierte juristische Materie"

Die Begründung der Richter wurde zur Ohrfeige für Konzern und Genehmigungsbehörden. Sie führten eine Vielzahl von Verstößen gegen Auflagen bei Klima-, Natur- und Lärmschutz und gegen Vorgaben für die Standortwahl des Kraftwerks an. Der Schutz der Menschen in der Region sei nicht ausreichend beachtet worden, hieß es.

Doch für Eon dürfte es noch schlimmer kommen. Der Konzern könnte gezwungen werden, den gesamten Bau abzureißen und die Baustelle um den Kühlturm zu renaturieren. "Das käme einer Katastrophe gleich", heißt es hinter vorgehaltener Hand aus dem Unternehmen. Bereits eine Milliarde Euro hat der Konzern in Datteln verbaut. Muss Eon aus der Riesenbaustelle wieder eine Wiese machen, käme möglicherweise eine weitere hinzu, schätzt ein Mitarbeiter- ohne dass nur ein Watt Strom aus dem Kraftwerk fließt.

Die Zentrale des Dax-Konzerns ist alarmiert. Ein Stab von Juristen prüfe, welche Folgen das Urteil und der Antrag zum Baustopp für den Konzern habe, heißt es aus dem Unternehmen. Zu den Details will sich der Konzern noch nicht äußern. "Es geht um eine höchst komplizierte juristische Materie im Verwaltungsrecht. Unsere Juristen untersuchen, was das für uns bedeutet", sagt ein Sprecher. Und: "Es wird weitergebaut."

Schwierigkeiten auch für andere Projekte

Vorerst. Denn binnen zehn Tagen könnte das Gericht in Münster über den Baustopp entscheiden. Bleibt es dabei, wäre ein Rückbau für Eon wohl fast unvermeidbar. Denn nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hatte sich der Konzern selbst gegenüber den Behörden dazu verpflichtet, "falls die Realisierung des Kraftwerks aus genehmigungsrechtlichen Gründen endgültig scheitern sollte". Das geht aus einem Schriftsatz des Oberverwaltungsgerichts in Münster vom Februar 2007 hervor.

Eon kündigt für diesen Fall an, "das Baugelände wiederherzustellen und zu rekultivieren". Selbst für den gerodeten Wald wolle der Konzern dann Ersatz schaffen - notfalls in doppelter Größe auf neuer Fläche. Dies dokumentiere, dass Eon sich über die Konsequenzen eines Weiterbaus des Kraftwerks trotz der schon damals offensichtlichen Zweifel an der Rechtmäßigkeit bewusst war, glaubt Dirk Jansen vom Umweltverband BUND. Nun dürfe für das Kraftwerk nichts anderes gelten als für ein im "Schwarzbau" errichtetes Wochenendhaus.

Wegen des Streits sieht das Düsseldorfer Wirtschaftsministerium sogar den Ruf des Standorts in Gefahr. "Als Signal für NRW ist das Gerichtsurteil nicht erfreulich", verlautet aus dem Ministerium. Der Ausgang des Verfahrens in Münster dürfte für die gesamte Branche und viele weitere Kraftwerksneubauten in Deutschland Bedeutung bekommen. Stromkonzerne wollen mehr als 30 neue Kohlekraftwerke bauen. Vor allem die Neubauten des Versorgers Evonik-Steag in Marl und Herne und ein Projekt des kommunalen Verbundes Trianel in Lünen könnten nun Schwierigkeiten bekommen. Auch sie werden auf Flächen errichtet, auf denen zuvor kein altes Kraftwerk stand. Das hatte die Klage gegen das Kraftwerk in Datteln erst ermöglicht.