Ein Kommentar von Simone Boehringer

Von deutlich sinkenden Ölpreisen geht derzeit kaum noch jemand aus. Die Nachfrage nach dem schwarzen Gold steigt und steigt. Weil das Öl knapp wird, muss die Menschheit umdenken.

Gerade einmal 100 Jahre dauert das Ölzeitalter bislang an. Und zum zweiten Mal seit den siebziger Jahren gibt es den ernsthaften Verdacht, dass die Reserven an dem schwarzen Schmierstoff in absehbarer Zeit zur Neige gehen könnten. Damals waren es die Zukunftsforscher des Club of Rome, die erstmals das Credo des immerwährenden Wachstums infrage stellten - weil der Menschheit die Ressourcen ausgehen könnten.

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Pump-Einheiten auf einem Ölfeld bei Los Angeles. Der US-Ölpreis hat erstmals die Marke von 130 Dollar gebrochen. (© Foto: dpa)

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Ab 2030, sagten die Wissenschaftler damals, die ihre Erkenntnisse in dem Buch "Grenzen des Wachstums" zusammenfassten, könnte es kritisch werden bei ungebremstem Verbrauch, 2100 drohe sogar der Kollaps des Wirtschaftssystems.

Rund 30 Jahre später aktualisierte der Hauptautor Dennis Meadows die Thesen und sagte, die Menschheit habe wenig getan und Zeit zum Umdenken verloren. Er fand relativ wenig Beachtung, Öl war zu der Zeit mit 30 Dollar pro Fass ja auch sehr billig.

Heute sind es 100 Dollar mehr und der Preis steigt ungebremst weiter. Renommierte Adressen wie die US-Investmentbank Goldman Sachs oder der amerikanische Ölexperte Matthew Simmons sagen einen Preis von 200 Dollar voraus. Dass jetzt sogar die Internationale Energie Agentur (IEA) offensichtlich die Prognosen für die weltweite Ölförderung deutlich herunterschraubt, gibt der Knappheitsdebatte eine neue Brisanz.

Bisher halten es die IEA-Experten in ihrem jährlichen Report - in Fachkreisen so etwas wie die Bibel der Branche - nur für eine Frage des Geldes und der Investitionen, wann neue Ölquellen entdeckt werden.

Die Spekulationen darüber, ob womöglich der Höhepunkt der Ölförderung weltweit schon überschritten ist, also dauerhaft mit einem sinkenden Angebot zu rechnen ist, überlassen die IEA-Experten anderen, weniger bekannten Analyseinstituten wie beispielsweise der Energy Watch Group. Diese hatte vor wenigen Tagen eine Halbierung der Ölförderung bis 2030 prognostiziert.

Es gibt freilich auch Gegenmeinungen: Experten, die das aktuelle Preisniveau zum Großteil für die Folge von enormen Spekulationsgeschäften halten an den Börsen. Doch auch diese Spekulanten setzen nur auf steigende Preise, wenn sie eine realistische Chance sehen, dass ihre Wette auch aufgeht.

Von längerfristig deutlich sinkenden Ölpreisen geht derzeit kaum noch jemand aus. Hauptgrund dafür ist aktuell offensichtliche Begrenzung des Angebots. Tatsächlich liegen die letzten großen Ölfunde 30 bis 40 Jahre zurück. Bei der jüngsten bedeutenderen Entdeckung vor der Küste Brasiliens ist noch völlig unklar, ob und wann der Rohstoff unterhalb einer dicken Salzkruste in 2000 Metern Tiefe überhaupt förderbar ist.

Der Abbau von Ölsanden in Kanada und anderswo ist mühsam und teuer. Und von den bestehenden Lieferanten wird praktisch nur noch dem größten Anbieter Saudi-Arabien zugetraut, die Ölproduktion kurzfristig etwas hochzufahren.

Die Nachfrage nach dem schwarzen Gold indessen steigt. Die höchsten Zuwachsraten haben aufstrebende Länder wie Indien und China. Ein Viertel des Fördervolumens von derzeit 87 Millionen Barrel am Tag vereinnahmen die Vereinigten Staaten.

Zwar wird an vielen Orten, allen voran in Deutschland, nach alternativen Energien geforscht, und sie werden auch eingesetzt. Aber der größte Katalysator des Wirtschaftswachstums weltweit ist auch 30 Jahre nach den Warnungen des Club of Rome das Öl.

Sollte die Förderung zurückgehen oder nur stagnieren, gefährdet das den Wohlstand in höchstem Maße. Ohne ausreichend Öl ist Wachstum in vielen Bereichen kaum möglich. Auch die Ernährung von inzwischen mehr als sechs Milliarden Menschen ist gefährdet, wenn aus Kostengründen statt dieselbetriebener Landmaschinen wieder Arbeiter per Hand säen und ernten müssten.

Auch die Finanzmarktkrise kann nur gelöst werden, wenn es nach einer Konjunkturdelle ordentlich aufwärts geht. Kredite sind neben dem Öl die zweite wesentliche Stütze unseres Wirtschaftssystems. Sie können aber nur zurückbezahlt werden, wenn die damit finanzierten Projekte sich lohnen, also Wachstum herrscht. Das geht nicht bei schwindenden Ölreserven.

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(SZ vom 23.05.2008/gdo)