Statistik der Arbeitsagentur Was hinter den Arbeitslosenzahlen steckt

Im Sommer sind meist mehr Leute erwerbstätig, etwa auf Baustellen.

(Foto: dpa/imago)
  • Wie viele Menschen sind in Deutschland arbeitslos? Offiziell sind es nur 3,0 Millionen.
  • Doch tiefer in der Statistik ist die versteckte Arbeitslosigkeit aufgeführt: Menschen auf Jobsuche, die zum Beispiel gerade eine Schulung besuchen oder einen Ein-Euro-Job haben.
  • Eingerechnet steigt die Zahl der Arbeitslosen auf 3,8 Millionen.
Von Jurik Casper Iser

Deutschland nähert sich gerade wieder der magischen Grenze. Rutscht die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen, gilt das als gute Nachricht. Denn der Wert soll sagen: Sehr viele Menschen in Deutschland haben einen Job, können ihre Familien ernähren, das Leben genießen. Der Wert ist vor Kurzem wieder gefallen: im Februar auf 3 017 000 Arbeitslose. Schon nächsten Monat könnte wieder eine Zwei ganz vorne stehen, wenn das Wetter mitspielt.

Also alles gut? "Das ist absolut verharmlosend", sagt Gerd Bosbach. Er ist Professor für Mathematik, Statistik und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz und gilt als einer der bekanntesten Kritiker der Arbeitslosenzahlen, wie sie die Bundesagentur für Arbeit monatlich veröffentlicht.

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Zwar würden die aktuellen Zahlen natürlich zeigen, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt nun viel besser sei als 2005 - damals war die Arbeitslosenquote etwas doppelt so hoch wie derzeit. "Trotzdem sind drei Millionen Menschen, die offiziell als arbeitslos gezählt werden, viel zu viele Schicksale". Er fordert, dass die Arbeitsagentur die Werte "kritischer präsentiert". Stattdessen passiere das Gegenteil: "Wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, wird das euphorisch gefeiert."

Ohne Job sind 3,9 Millionen, nicht 3,0 Millionen

Was Bosbach am meisten stört: Die Zahl, die die Arbeitsagentur als wichtigste kommuniziert, stelle die Situation verzerrt dar. Die Zahl der Arbeitssuchenden liege deutlich höher als 3 017 000. Tatsächlich waren im Februar 3 887 862 Menschen arbeitslos - wenn man die verdeckte Arbeitslosigkeit und die Altersteilzeit mit einberechnet.

Verdeckte Arbeitslosigkeit: Wer taucht in der Arbeitslosenstatistik auf und wer nicht?

So waren etwa 175 000 Menschen in einer "Aktivierungs- oder Eingliederungsmaßnahme". Beispielsweise schulen private Anbieter Arbeitslose, wie sie sich richtig bewerben. Fast genauso viele Arbeitslose bildeten sich weiter. Zur verdeckten Arbeitslosigkeit zählen des Weiteren Personen, die älter als 58 Jahre sind und seit mehr als einem Jahr keinen Job mehr angeboten bekommen haben; außerdem Ein-Euro-Jobber und Arbeitslose, die länger krank sind.

Geheim sind diese Daten nicht. Sie stehen ebenfalls auf der Internetseite der Arbeitsagentur. Sie sollten auch in die offizielle Arbeitslosenstatistik einfließen, fordert Bosbach. "Arbeitslose nicht zu zählen, die an private Vermittler weitergegeben wurden, bezeichne ich als Schönfärberei", sagt der Statistiker.