Start-ups in Deutschland Rhein-Ruhr-Gebiet

Bei einem Flug würde die Ausrüstung wohl als zwei Stücke Handgepäck durchgehen. Leicht soll sie sein - und so auch kleineren Fußballmannschaften ermöglichen, was sich bislang nur die großen Clubs in der ersten und zweiten Bundesliga leisten können. In dem Koffer stecken zwei Kameras, ein kleiner Computer und das Knowhow von Jan Salmen und Marc Schlipsing. Die beiden Forscher am Institut für Neuroinformatik der Ruhr-Universität Bochum haben ein System entwickelt, das eine Auswertung all dessen ermöglicht, was das bloße Auge im schnellen Spiel nicht erfasst: Wie viele Sprints hat welcher Spieler wo absolviert - und mit welcher Geschwindigkeit? "Wer das Woche für Woche detailliert verfolgt, der tut sich leichter bei der Frage, ob aus einem Spieler mal ein Profi wird. Und vor allem: wo der Trainer noch rechtzeitig eingreifen kann", sagt Marc Schlipsing.

Die Software ermöglicht es, gezielt nach einzelnen Spielszenen zu suchen. Um die Bewegungen der Spieler allerdings statistisch auszuwerten, müssen die Videos auch manuell nachbearbeitet werden. Für ein Spiel dauert das etwa sechs Stunden. Auf Wunsch übernimmt das Start-up Athlens diese Arbeit - und liefert neben dem bearbeiteten Videomaterial auch einen Bericht ab, der die Pässe, Torschüsse und die Zeiten des Ballbesitzes nach Mannschaften aufführt.

Hochschulen und Institute statt Zechen und Hütten

Athlens zeigt, dass es im Ruhrgebiet mehr gibt als alte Zechen und ehemalige Fabriken. Denn im selben Maße, in dem im Laufe der vergangenen Jahre die Arbeitsplätze in der Fertigung weniger wurden, stieg die Zahl der Studierenden an den zumeist in den Siebzigerjahren gegründeten Hochschulen in der Region. Salmen und Schlipsing, beide 34 Jahre alt, lieben Fußball - und sie lieben ihre Heimat. Während der Promotion haben sie sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Bildbearbeitung in Echtzeit verbessern lässt - und wie sich dies industriell nutzen lässt. Viel von dem Wissen, das nun Fußball-, aber auch anderen Sportvereinen zugute kommen soll, steckt auch in Assistenzsystemen für Autofahrer. Die beiden haben in der Forschung eng mit Herstellern sowie Zulieferern der Autoindustrie zusammengearbeitet. Sie hatten auch gute Angebote, dort anzuheuern. Warum sie die nicht angenommen haben? "Dann hätten wir ja nach Süddeutschland ziehen müssen", sagt Jan Salmen.

Wenn die Fahrradkette spricht

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Ende 2011 hatten sie ihren ersten Prototypen. Sie haben ihn stetig verbessert, nebenbei an ihren Doktorarbeiten gesessen, ein Stipendium für Existenzgründer ergattert und schließlich, vor etwa einem Jahr, ihr Start-up gegründet. Jan Salmen erinnert sich, dass die Mitarbeiter in dem von der Uni eingerichteten Büro, das Forscher bei der Gründung unterstützen soll, erkundigt haben, ob er nicht noch andere kennt, die sich mit ihrer Idee selbständig machen wollen. "Da kommen gerade mal zehn Leute pro Jahr vorbei", sagt er.

Wachsende Gründerszene am Rhein

In einem Büro in einem Düsseldorfer Hinterhof sitzt Oliver Wüntsch. Dort, wo einst Autos gewaschen und repariert wurden, können heute Unternehmer einen Schreibtisch mieten. Und Wüntsch steht vielen von ihnen mit Rat zur Seite.

Düsseldorf ist eine wohlhabende Stadt. Eine, in der Menschen sich zumeist über ihre Karriere definieren und nach Sicherheit suchen. Wüntsch beobachtet aber zunehmend, dass Düsseldorfer auch nach ein paar Jahren anderswo zurück kommen, eine kleine Idee haben, die sie umsetzen wollen - und dafür eine kaufkräftige Kundschaft in der Stadt finden. Das sind dann eher kleine Sachen, ein Laden mit handgefertigter Kinderkleidung zum Beispiel, keine "Start-ups, die die Welt erobern oder ihre Idee in zwei Jahren für Millionen an Microsoft verkaufen wollen." Aber die Gründerszene in der Stadt wachse.

Wer in Düsseldorf ein Unternehmen gründet, der fühlt sich zu allererst als Düsseldorfer, ein Kölner versteht sich als Kölner - und im Ruhrgebiet ist wiederum jeder seiner eigenen Stadt verbunden. Diese Struktur ist Stärke und Schwäche zugleich. Es gibt viele Ideen, es gibt eine Menge Initiativen, an all den Hochschulen, in all den Verbänden, bei all städtischen Wirtschaftsförderern. In keiner anderen Region beispielsweise gibt es so viele Lehrstühle für Entrepreneurship - Unternehmertum. Aber es wirkt ein wenig, als werkle da jeder für sich, nicht so, als zögen alle an einem Strang. "Seit einigen Jahren versucht NRW, sich als Start-up-Region zu vermarkten, aber in den Köpfen und Herzen ist das noch nicht angekommen", sagt Wüntsch. "Um hier in der Region mehr Gründungen zu fördern, brauchen wir eine konstruktive Zusammenarbeit und Kooperation zwischen den verschiedenen Städten, Kommunen und Landkreisen."

Samen und Schlipsing sind da ebenso patriotisch wie pragmatisch: Sie sind überzeugt davon, dass die Region mit ihren mehr als 15 Millionen Einwohnern ideal für ihr Start-up ist. "Das Ruhrgebiet allein hat gut 100 Vereine auf engstem Raum - und das Rheinland mit weiteren Vereinen ist auch nicht weit weg", sagt Schlipsing.