Start-ups Ist im Silicon Valley wirklich alles besser?

Etwa 60 000 Deutsche leben im Silicon Valley. Das ist die Gegend zwischen San Francisco (Foto) und San José.

(Foto: Alex Menendez/AP)

Viele deutsche Gründer zieht es ins Tal der Zukunft. Sie bekommen dort Milliarden für ihre Firmen und dürfen scheitern, so oft sie wollen. Ein Besuch.

Von Sophie Burfeind

Da ist man also ins Zentrum des digitalen Fortschritts gereist, an diesen jungen, aber schon mythischen Ort, an dem nicht linear gedacht wird, sondern exponentiell, wo Menschen aller Nationalitäten an der schönen neuen Welt arbeiten. Und am Ende dieser Reise versteht man zwar, warum es so viele Deutsche dort hinzieht - ist aber auch ein wenig beunruhigt über die menschliche Zukunft im Allgemeinen und die deutsche im Speziellen.

Auch er ist hergekommen, weil er in Deutschland keine Zukunft mehr gesehen hat. Jay Habib, 33, gebürtiger Westfale, trägt einen weißen Leinenanzug und sitzt in einem Uber-Taxi. Es ist Stau, wie fast immer auf dem Camino Real in Kalifornien, nur alle paar Minuten kommt das Taxi ein paar Meter voran. Bei weitgehendem Stillstand erzählt Habib eine Geschichte über maximale Geschwindigkeit. Willkommen im Silicon Valley. Habib über seine neue Heimat: "Hier ist es wie im Goldrausch. Aber es ist auch brutal: nur Business. Freunde findest du hier keine."

Auf der Flucht vor der "German Angst"

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Die Idee zu Shop.co, seinem Start-up, hatte Habib, als er mit seiner Familie umzog. Seine Frau mailte ihm eine Liste mit Dingen, die er online bestellen sollte: Fernseher, Lampe, Kühlschrank, Wickeltisch - alles in unterschiedlichen Web-Shops. Wie bescheuert, dachte Habib, sich in jedem Shop neu registrieren, mit Rechnungsadresse, Lieferadresse, Kontodaten, er tippte und tippte. Warum geht das nicht einfacher? Mit einem Klick? Habib hatte sein Projekt gefunden: ein universaler Einkaufswagen im Internet.

Jay Habib: in Hamm aufgewachsen, sechs Jahre Studium, zwei kleine Töchter, zehn Firmengründungen. 2014 kam die elfte dazu, Shop.co. Er sammelte 6,25 Millionen Wagniskapital in Deutschland ein, was schon viel ist, wollte aber, dass seine Firma ein "Einhorn" wird, so richtig groß. Deshalb fuhr er im Frühjahr 2015 bei der "German Valley Week" mit, eine Reise, die der Bundesverband Deutscher Start-ups organisiert. Deutsche Gründer, Mittelständler, Investoren und andere Unternehmer fahren zu High-Tech- und Social-Media-Konzernen, hören Geschichten, suchen Ideen, knüpfen Kontakte. Habib hat Kontakte geknüpft und war Ende des Jahres wieder da. Diesmal für länger.

Zwei Jahre später ist Habib nur Gast bei dieser Reise. Während die anderen herausfinden, warum all die Milliarden-Dollar-Companies hier entstehen und nicht in München oder Berlin, ist er schon auf dem schnellsten Weg, selbst Inhaber so einer Company zu werden.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Amerika schon lange nicht mehr

Habib ist einer von 60 000 Deutschen, die im Silicon Valley leben, die Gegend zwischen San Francisco und San José. Die Gegend, wo auch Google, Amazon, Apple, Microsoft, Facebook, Tesla oder Uber herkommen. Die Zahl der Deutschen hat sich dort in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Natürlich arbeiten nicht alle von ihnen in Start-ups, aber viele. Viele sind wie Habib mit ihrer Firma hergezogen, haben Freunde und Familie zurückgelassen. 8971 Kilometer Luftlinie sind es jetzt bis nach Hamm, Westfalen, 16 Stunden Flug, neun Stunden Zeitverschiebung. Wieso nehmen das so viele Gründer auf sich? Und ist es hier, abgesehen vom Wetter, wirklich so viel besser?

Amerika, das ist ja schon lange nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber wenn es in dem Land noch unbegrenzte Möglichkeiten gibt, dann im Silicon Valley. In den Fünfzigerjahren siedelten sich um einen alten Militärflughafen die ersten Forschungsinstitute und Elektronikfirmen an, nach und nach entwickelte sich die Region zum bedeutendsten Standort für die High-Tech- und IT-Industrie der Welt. Zu einer Denkfabrik, in der die größten Visionäre mit dem meisten Wagniskapital aufeinandertreffen, und die mächtigsten Firmen der Welt produzieren. Ein Ort, an dem aus Visionen Revolutionen werden sollen.

"Think big" und "high risk, high chance", das ist die Einstellung hier. Eine Einstellung, die nicht unbedingt typisch ist für die Deutschen. Vielleicht ist das Silicon Valley deshalb zu einem Sehnsuchtsort deutscher Unternehmer geworden, die sich von dem Tempo berauschen und bestenfalls anstecken lassen wollen. Eine mehrtägige Spurensuche.