Start-Up Wingly Ich flieg' dann mal mit

Blick aus einer Cessna während des Fluges

(Foto: imago/Revierfoto)
  • Die Mitflugzentrale Wingly ist eine Plattform, auf der Privatpiloten Flüge anbieten und Leute mitnehmen können.
  • Die Gründer wollen damit die private Luftfahrt ankurbeln und das Fliegen günstiger machen.
  • Die Konkurrenz ist allerdings groß - und Umweltschützer sind auch nicht begeistert von der Idee.
Von Sophie Burfeind

Er kann es gar nicht in Worte fassen, was genau er so liebt am Fliegen. Abheben, über allem schweben, frei sein, vielleicht ist es auch der Blick oder die Stille dort oben. Genau weiß er nur, dass er am liebsten jeden Tag im Flugzeug sitzen würde. Matthias Mühmel, 27, aus Köln ist Informatiker und Hobby-Pilot, neuerdings ist er auch der Star-Pilot bei Wingly: die meisten Flüge, die besten Bewertungen.

Wer gerne mal um den Kölner Dom kreisen oder spontan von Bonn nach Sylt jetten möchte, um ein Fischbrötchen zu essen, der kann das mit Matthias Mühmel tun. Einfach schnell bei Wingly buchen. Wingly, das ist keine neue Airline, sondern eine Mitflugzentrale. Wobei man eigentlich eher Rundflugzentrale sagen müsste.

An Bord des kürzesten internationalen Linienflugs der Welt

Am Bodensee wird heftig diskutiert: Ist die neue 20-Kilometer-Verbindung zwischen Deutschland und der Schweiz ein Klimadesaster oder eine tolle Idee? Unser Autor ist mitgeflogen. Von Max Hägler mehr ...

Lars Klein, 22, ist einer der drei Gründer des Start-ups. Man trifft ihn im Start-up-Accelerator von Axel Springer in Berlin-Mitte. Ein riesiger Raum, vollgestellt mit Schreibtischen, Computern und Sofas, dazu eine Wand, auf die jemand großflächig Beschimpfungen gesprüht hat, "Du Luder!" zum Beispiel. Der Legende nach ist es das, was der damalige Bundespräsident Christian Wulff dem damaligen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann auf den Anrufbeantworter sprach.

Vor eineinhalb Jahren dachten sich Lars Klein in Deutschland und Bertrand Joab-Cornu und Emeric de Waziers in Frankreich das Gleiche: "Wir leben in einer Zeit, in der man alles teilt, nur Kleinflugzeuge nicht." So zumindest erzählt das Klein, der die anderen beiden dann über eine Gründerplattform kennenlernte. Emeric de Waziers, seit seinem 15. Lebensjahr Privatpilot, wusste außerdem, was viele Hobbypiloten nervt - dass ihr Hobby teuer ist.

Privatpiloten dürfen Passagiere mitnehmen, aber kein Geld verdienen

Also beschlossen die drei, eine Plattform zu gründen, auf der Privatpiloten Flüge anbieten und Leute mitnehmen können, erlaubt ist letzteres seit einer Gesetzesänderung 2014. Konkret kann man sich das Konzept einer Mitflugzentrale so vorstellen: Die Piloten stellen auf der Seite ein, wann und wohin sie fliegen wollen und sagen, wie viele Plätze frei sind und wie viel das Mieten der Maschine und der Treibstoff kosten würde. Das wird dann geteilt.

Weil die meisten Privatpiloten keine Instrumentenflug-Berechtigung haben, womit sie bei Dunkelheit oder schlechter Sicht fliegen könnten, dürfen sie nur tagsüber bei wolkenlosem Himmel aufsteigen. Regelmäßige Streckenflüge von A nach B, das erkannten die Gründer von Wingly recht schnell, würden also schwierig: Bei Regen könnten weder Meeting, noch Familienfeier erreicht werden. Deshalb gibt es bei Wingly vor allem Rundflüge.

Profitieren sollen davon sowohl Piloten, als auch Passagiere. Für die einen wird das Hobby günstig, die anderen kommen für wenig Geld in die Luft. Einmal Aachen von oben sehen, macht 27 Euro, München-Venedig um die 120 Euro. Langfristig, sagt Klein, soll so die private Luftfahrt angekurbelt werden: Dort sinkt die Zahl der Piloten seit Jahren. Im Juli 2015 gründeten die drei dann ihr Start-up, zunächst in Paris. Und damit fingen die Probleme an.

Denn nach ein paar Auftritten im Fernsehen und in verschiedenen Zeitungen beschwerte sich eine französische Pilotengewerkschaft: Was Wingly da mache, sei kommerziell und gehöre verboten. Dazu muss man wissen, dass Luftfahrtgesetze nicht unkompliziert sind. Es gibt drei Sorten von Pilotenlizenzen: Privatpiloten, die privat fliegen dürfen, Piloten, die mit Fliegen Geld verdienen dürfen und Airline-Piloten. "Bei uns verdienen die Piloten kein Geld, sondern teilen nur die Kosten", sagt Klein. Die Gewerkschaft sah das anders.

In Deutschland gibt es die meisten Privatpiloten Europas

Weil es fast ein Jahr dauerte, bis die französische Luftfahrtbehörde Wingly für legal erklärte, versuchten sich die drei Gründer derweil in Deutschland, dem Land mit den meisten Privatpiloten. "In Europa gibt es 300 000 Privatpiloten, davon 88 000 in Deutschland und 50 000 in Frankreich", sagt Klein. Im Februar startete Wingly in Berlin, mittlerweile sind 3500 Piloten angemeldet, 1600 Mal wurde schon geflogen.

Klein guckt aus dem Fenster, es ist grau und kalt, gerade nicht so viel los bei Wingly, der wolkenlose Himmel ist doch eher ein Phänomen des Sommers. Bis zum nächsten Sommer wolle Wingly seine europäische Expansion planen. Die Konkurrenz wächst ja: Coavmi, Flyt.club, Skyüber und Mitflugzentrale.de heißen die anderen Mitflug-Anbieter in Deutschland.

Eine Frage hat man am Ende natürlich schon noch: Ist es aus Umweltschutzgründen eigentlich eine gute Idee, die Luftfahrt anzukurbeln? Alles halb so wild, sagen die Wingly-Gründer, bald gebe es doch Elektroflugzeuge.

Matthias Mühmel aus Köln hat seit Februar 100 Passagiere mitgenommen. Er war mit allen zufrieden, sagt er, nur wer die ganze Zeit schweige, sei ein bisschen anstrengend. Einen kleinen Zwischenfall gab es bei ihm auch schon, über dem Kölner Dom: Da musste sich eine Frau übergeben.

Heben Sie langsam ab, Herr Kapitän?

15 000 Euro verdienen und streiken: Viele Menschen haben kein Verständnis mehr für die Lufthansa-Piloten. Eine (Zug)reise zu denen, die immer höher hinaus wollen. Von Gianna Niewel mehr...