Star-Designer Pininfarina Tod auf der Vespa

Italiens Star-Designer Andrea Pininfarina stirbt bei einem Verkehrsunfall - und hinterlässt eine Auto-Firma in Not.

Von Ulrike Sauer

Im August sind die Straßen der italienischen Autostadt Turin heiß und verlassen. Die Einwohner spannen woanders aus. Andrea Pininfarina aber war noch auf seinem Posten. Der 51-jährige Spross der Autodesignerdynastie bemüht sich seit Monaten, das angeschlagene Familienunternehmen zu retten. Er wollte eine Sitzung des Verwaltungsrats in der kommenden Woche vorbereiten.

Auch am Donnerstag fuhr der Gründerenkel wieder mit seiner metallic-grauen Vespa in die elegante Unternehmenszentrale in Cambiano vor den Toren Turins. Auf dem Weg ist er tödlich verunglückt. Ein 78-jähriger Autofahrer übersah den Roller des Industriellen beim Einbiegen in die Via Torino.

Nicht nur Turin stand deswegen am Donnerstag unter Schock, sondern die gesamte Industriewelt Italiens. Wieder einmal wird der Generationswechsel in einem Vorzeigeunternehmen unterbrochen. Die Autoschmiede, gegründet 1930 von Battista Farina, hat italienische Automobilgeschichte geschrieben. Battista, sein Sohn Sergio und der nun tödlich verunglückte Enkel Andrea haben die schönsten Ferraris aller Zeiten entworfen. Autolegenden wie der Lancia Aurelia Spider oder der Alfa Romeo Giulietta Spider entstanden bei Pininfarina.

Börse reagiert zynisch

Das Unternehmen entwirft Traummobile, die 3600 Beschäftigten planen und bauen aber auch Alltagsautos im Auftrag von internationalen Konzernen. Zusammen mit den Turiner Designfirmen Bertone und Giugiaro festigte Pininfarina den Ruf der Italiener als Auto-Stilisten. "Italien, Turin und Fiat verlieren einen Symbolunternehmer", sagt Fiat- und Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo. Auch Staatspräsident Giorgio Napolitano und zahlreiche Politiker würdigten den Industriellen.

Pininfarina lebte für seine Firma. Nebenher übernahm er Verantwortung im italienischen Industriellenverband Confindustria. Seit Mai gehörte er dem Direktorium an. Der studierte Ingenieur war in Verhandlungen oft hart, trotzdem wurde er von den Gewerkschaften für seine Offenheit geschätzt.

Die Mailänder Börse reagierte auf die Nachricht vom Tod des Designers zynisch: Die Pininfarina-Aktie legte um 13 Prozent zu und wurde wegen zu hoher Kurssteigerungen vom Handel ausgesetzt. Die Anleger kalkulierten offenbar damit, dass das Traditionsunternehmen nun zu einem Übernahmekandidaten wird. "Der Markt geht davon aus, dass sich der Eigentümerwechsel nun beschleunigt", sagte ein Händler der Nachrichtenagentur Reuters.

Unter Druck

Der Autobauer geriet vor zwei Jahren unter Druck, weil die großen Autokonzerne die Produktion von Autos, die sie ausgelagert haben, wieder in ihre eigenen Fabriken holen. Zwei Jahre lang machte Pininfarina Verluste, doch der Firmenchef hoffte auf ein Comeback seiner Firma. Ende vergangenen Jahres setzte eine Wende ein. Der Umsatz stieg 2007 um 14 Prozent auf 670 Millionen Euro. Am 1. August einigte sich Pininfarina mit den Gläubigerbanken über die weitere Bedienung der 600 Millionen Euro Schulden. Für Ende des Jahres ist eine Kapitalerhöhung um 100 Millionen Euro geplant, Investoren dafür stehen bereit, allen voran der Franzose Vincent Bolloré.

Zusammen mit Bolloré wollte Andrea Pininfarina im September ein kleines, batteriebetriebenes Stadtauto der Luxusklasse vorstellen. Der gemeinsam entwickelte Elektrowagen soll ab 2010 in einem Pininfarina-Werk bei Turin vom Band laufen. Geplant ist zunächst eine Jahresproduktion von 15.000 Autos. An der Geldspritze zur langfristigen Rettung Pininfarinas wollen sich auch der indische Konzern Tata, der italienische Bremsenhersteller Brembo und Piero Ferrari beteiligen.