BaFin schaltet sich ein Verdacht auf Insiderhandel bei Solar Millennium

Nur 74 Tage war Utz Claassen, der Ex-Chef des Energiekonzerns EnBW, als Vorstandschef bei Solar Millennium beschäftigt. Trotzdem kassierte er neun Millionen Euro Antrittsprämie. Im Zusammenhang mit diesem Kurz-Engagement hat jetzt die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen eingeleitet wegen des Verdachts auf Insiderhandel: Der Firmengründer soll Aktien gekauft haben, bevor Claassens Verpflichtung für einen Kurssprung sorgte.

Von Markus Balser und Uwe Ritzer

Es war Mitte Juni 2011, und in der kalifornischen Wüste schaufelte der Chef höchstpersönlich. Christoph Wolff, Vorstandsvorsitzender der fränkischen Solar Millennium AG, legte mit US-Polit-Prominenten Hand an. Sogar Innenminister Ken Salazar war aus Washington eingeflogen. Auch Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown kam nach Blythe, ein Provinznest 350 Kilometer östlich von Los Angeles. "Ein Meilenstein in den Geschichtsbüchern", hatte Wolff Wochen im Voraus gejubelt.

Eine riesige Solaranlage will das fränkische Unternehmen Solar Millenium in der kalifornischen Wüste errichten. In Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Firma, wegen schwerer Untreue und Verstoßes gegen das Aktienrecht.

(Foto: dpa)

Mit den obligatorischen Spatenstichen wurde der Baubeginn des größten Solarkraftwerks aller Zeiten zelebriert, ein Mega-Projekt, das Solar Millennium stemmen will. Rund zwei Milliarden Euro soll die Anlage in Blythe kosten und einmal so viel Strom liefern wie ein Atomkraftwerk. Fast überall auf der Erde könnten Kraftwerke von Solar Millennium Energieprobleme lösen, ist man in der Erlanger Firmenzentrale von sich überzeugt. Doch während das Unternehmen die Welt erobern will, gerät es zu Hause immer stärker in einen Strudel höchst unangenehmer Untersuchungen und juristischer Auseinandersetzungen.

Seit dem Frühjahr geht die Nürnberger Staatsanwaltschaft dem Verdacht gegen den Aufsichtsrat der Solarfirma wegen schwerer Untreue und massiver Verstöße gegen das Aktienrecht nach (Az 505 Js 638/11). Es geht um viele Millionen Euro, die Utz Claassen, der Ex-Chef des Energieriesen EnBW, für nur 74 Tage Arbeit als Vorstandschef bei Solar Millennium kassiert hat. Nun taucht ein neuer schwerer Verdacht auf: Es geht um möglichen Insiderhandel mit Solar-Millennium-Aktien. Auch hier soll es einen Zusammenhang mit Claassens Engagement geben.

Rätselhafte Aktiengeschäfte

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat sich die deutsche Börsenaufsicht eingeschaltet. "Die Bafin prüft derzeit im Rahmen einer formellen Untersuchung den Vorwurf des Insiderhandels in Aktien der Solar Millennium AG", erklärte eine Sprecherin der Behörde der SZ. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg prüft ihrerseits im Rahmen von Vorermittlungen, ob es Anhaltspunkte für ein formelles Ermittlungsverfahren gibt. Nach SZ-Informationen geht es um ein rätselhaftes Aktiengeschäft von Firmengründer und Aufsichtsrat Hannes Kuhn. Er und Solar Millennium wollten dazu auf Anfragen keine Angaben machen.

Per Ad-hoc-Mitteilung und Presseinformation hatte Solar Millennium am 15. Dezember 2009 eine spektakuläre Neuverpflichtung gefeiert, die den unbekannten Mittelständler quasi über Nacht zum schillernden Unternehmen machte: Star-Manager Utz Claassen übernahm das Ruder in Erlangen. Das schien zu den großen Visionen der Firma mit ihren paar hundert Beschäftigten zu passen. Klimawandel, Wirtschaftskrise, Energieengpässe - Solar Millennium hilft gerne, so die Botschaft, Blythe soll nur der Anfang sein. "Wir entwickeln die Zukunft", so der Firmenslogan. Kleiner geht es nicht.

Nun holt die Vergangenheit die Franken ein. Ein Aktionär des Unternehmens erhebt nach SZ-Informationen sehr konkrete und detaillierte Anschuldigungen gegen Firmengründer und Aufsichtsrat Kuhn - was nun die Bafin alarmiert hat. Wenige Wochen vor Bekanntgabe des Claassen-Coups soll Kuhn, der noch rund 15 Prozent der Aktien von Solar Millennium halten soll, ein im Nachhinein fragwürdiges Geschäft getätigt haben. In den Anzeigen an Börsenaufsicht und Staatsanwaltschaft ist von einem Termingeschäft Kuhns über 150.000 Solar-Millennium-Aktien im November 2009 die Rede. Claassens Verpflichtung und ein dadurch resultierender Kurssprung seien zu dem Zeitpunkt bereits abzusehen gewesen, so der Vorwurf des Aktionärs. Zumal Kuhn angeblich selbst mehrfach mit Claassen verhandelt hat.

Tatsächlich sorgte die News vom Neuzugang für Euphorie bei den Anlegern. Wer im November 2009 Aktien kaufte, konnte nach der Verpflichtung Kursgewinne von 20 bis zu 50 Prozent erzielen.

Was steckt hinter dem rätselhaften Deal? Wie er sich mit Corporate Governance-Regeln vertrage, wollten kritische Aktionäre schon auf der Hauptversammlung im Mai von Vorstand und Aufsichtsrat wissen. Ob kursrelevante Informationen damals noch nicht allgemein bekannt waren, fragte ein anderer Aktionär. Die Verwendung von Insiderwissen für Börsengeschäfte ist grundsätzlich strafbar. Auch die vom neuen Vorstand mit einer "informellen Sonderprüfung" beauftragte Kanzlei Skadden Arps, die "Geschäftsvorfälle" bei Solar Millennium näher beleuchten und rechtlich bewerten soll, will den Fall aufklären.

Bei der Hauptversammlung verteidigten sich Kuhn und seine beiden Aufsichtsratskollegen. Er, Kuhn, habe das Termingeschäft tatsächlich getätigt, aber nur, um die Aktien später an Claassen weiter zu verkaufen. Sie sollten Teil der Vergütung von Claassen werden. Damit habe man ihn enger an die Firma binden wollen. Doch dazu sei es nicht gekommen.

Zu viele offene Fragen

Ein Aufsichtsrat, der Aktien im großen Stil vor der Bekanntgabe einer wichtigen Unternehmensnachricht kauft, um sie in einem Privatgeschäft danach an den künftigen Chef des Unternehmens zu verkaufen?

Utz Claassen ließ die Kuhn-Version auf Anfrage dementieren. "Herr Claassen hatte keine Kenntnis von diesem Aktiengeschäft", sagt sein Anwalt Frank Silinger. "Wenn Herr Claassen das erfahren hätte, hätte er mit Solar Millennium niemals einen Dienstvertrag abgeschlossen." Und, weiter: "Aktien aus einem potentiellen Insidergeschäft hätte Herr Claassen nie genommen."

Zu viele offene Fragen, finden kritische Aktionäre. Sie sind bei Solar Millennium mit ihrer Geduld am Ende. Jochen Knoesel, Chef des Vereins zur Förderung der Aktionärsdemokratie, beantragte auf der Hauptversammlung eine Sonderprüfung der Causa Claassen. Am Ende wurde ihm eine Abstimmung darüber verweigert. Nun hat die Hauptversammlung ein juristisches Nachspiel. Knoesel hat eine Feststellungsklage beim Nürnberger Landgericht eingereicht. Das Ziel: die Unrechtmäßigkeit dieses Vorgehens gerichtlich feststellen zu lassen.

Claassen und Solar Millennium treffen sich ihrerseits am 9. September vor dem Landgericht. Dann wird erstmals über die Millionenklagen verhandelt werden, mit denen sich der Manager und die AG gegenseitig überzogen haben. Es könnte eine Schlammschlacht werden mit viel schmutziger Wäsche. Das Gericht muss klären, warum der Ex-EnBW-Mann beim überschaubaren Mittelständler (73,2 Millionen Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2009/2010) nach nur 74 Tagen hinwarf. Als Antrittsprämie nahm Claassen neun Millionen Euro mit.