Staatliche Rente Armutsrisiko für Rentner steigt deutlich

Nie zuvor waren so viele alte Menschen auf Grundsicherung angewiesen: Hundertausende Rentner brauchen staatliche Zuschüsse. Besonders prekär ist die Lage für Erwerbsunfähige, die frühzeitig in Rente gehen müssen.

Von Thomas Öchsner

Immer mehr Rentner in Deutschland brauchen Hilfe vom Staat, weil ihre Altersbezüge und anderen Einkünfte nicht zum Leben reichen. 2011 erreichte die Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung einen neuen Höchststand. Etwa 844.000 Menschen erhielten 2011 diese staatliche Leistung. Das sind im Vergleich zum Vorjahr 5,9 Prozent mehr.

Die staatliche Hilfe, im Durchschnitt 680 Euro im Monat, nehmen etwa 436.000 über 65-Jährige in Anspruch. Die restlichen gut 400.000 sind zum Teil deutlich jünger und überhaupt nicht oder nur noch eingeschränkt arbeitsfähig, etwa wegen einer Krankheit oder Behinderung.

Derzeit erhalten gut 1,6 Millionen Männer und Frauen vorzeitig eine Rente, weil sie voll oder teilweise erwerbsgemindert sind. Sie und ihre Familienmitglieder sind stark von Armut bedroht. Das zeigt eine neue Studie der Deutschen Rentenversicherung (DRV), die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Danach sind 37 Prozent der Personen, die in Haushalten von Erwerbsminderungsrentnern leben, von Armut gefährdet. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur 15,8 Prozent der Einwohner von Armut bedroht. Für die Statistiker ist dies der Fall, wenn jemand weniger als 952 Euro im Monat zum Leben hatte.

In der Untersuchung der DRV heißt es: Ein beachtlicher Teil der Erwerbsminderungsrentner und ihrer Haushaltsmitglieder befinde sich in einer "prekären Einkommenslage". Mit einer durchschnittlichen Höhe von 660 Euro monatlich biete diese Rente allein "in der Regel keine ausreichende Absicherung des Haushalts".

Auf eine zusätzliche Vorsorge, wie eine private oder betriebliche Rente, könnten aber "jeweils nur circa ein Zehntel der Betroffenen zurückgreifen". Überdurchschnittlich stark von einer materiellen Notlage betroffen seien alleinlebende Männer, Haushalte mit Kindern, Zuwanderer und Menschen ohne Schul- und Berufsabschluss.

Laut der Studie muss mittlerweile ein Viertel der Haushalte von Erwerbsminderungsrentnern Wohngeld, Hartz IV, Grundsicherung oder Sozialhilfe beziehen. Die Forscher führten dies vor allem auf die nach der Rentenreform von 2001 gesunkenen Leistungen zurück. So hätten Neurentner mit Erwerbsminderung im Jahr 2000 durchschnittlich 706 Euro bekommen. 2010 seien es nur noch 600 Euro gewesen.

Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung, Herbert Rische, sagte der SZ: Bei der Studie handele es sich um "erste Projektergebnisse". Er bewertete es positiv, dass die Bundesregierung in ihrem Rentenpaket "eine Verbesserung der sozialen Absicherung von Erwerbsminderungsrentnern vorsieht". Es sei daher wichtig, noch in dieser Legislaturperiode eine entsprechende Regelung zu verabschieden.

Sie soll Erwerbsminderungsrentnern im Schnitt in knapp 20 Jahren etwa 45 Euro mehr Rente bringen. Der Gewerkschaftsbund hält dies für nicht ausreichend. Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte: "Kranke Frührentner sind in Not, weil ihre Gesundheit ruiniert worden ist, sie sich keine ausreichende Alterssicherung aufbauen konnten und auch noch mit Rentenabschlägen bestraft werden." Durch das sinkende Rentenniveau werde sich ihre Situation noch verschärfen.