Staaten und Finanzmärkte Völlig von der Realwirtschaft abgekoppelt

Wie sehr hat man sich vor wenigen Jahren lächerlich gemacht, wenn man Renditen jenseits aller realwirtschaftlichen Plausibilität für problematisch hielt! Man war Zauderer, nicht risikobereit, ein Bremser auf dem Weg zum Wohlstand. Man handelte mit ungedeckten futures, mit Anleihen auf in der Zukunft zu lösende Probleme. Was zunächst nichts anderes ist als ein Instrument zur Vorwegnahme von Marktchancen, wurde zum Selbstzweck. Parallel dazu wandelte sich die staatliche Schuldenpolitik von einem Instrument zur Vorwegnahme politischer Handlungsfähigkeit zum eigentlichen politischen Instrument.

Auch hier bestand ein geradezu naiver Glaube an die heilenden Kräfte der Zukunft. Man handelte hier mit politischen Futures, also mit politischen Anleihen auf noch nicht gelöste politische Probleme, die von der realen gesellschaftlichen Entwicklung ebenso wenig gedeckt waren wie manche Finanzstrategien, deren Futures sich letztlich nur in der Gegenwart ihrer Markteinführung bewährt haben und sich von der Realwirtschaft völlig abgekoppelt haben.

Selbstverständlich ist eine moderne Wirtschaft ohne Schulden und Kredit unmöglich, ebenso wie Staaten ihren Mittelbedarf flexibel halten müssen. Es wäre naiv, das zu kritisieren. Die Kumpanei von Finanzwirtschaft und Staaten besteht vielmehr darin, dass sie sich eine Scheinstabilität verschafft haben. Die staatliche Schuldenpolitik und die Verschuldung privater Haushalte (vor allem in den USA) wurde dadurch geheilt, dass das Risiko auf den Finanzmarkt verschoben wurde. Und die Finanzmärkte haben auf Staaten gewettet, die an ihrem Tropf hingen. Gemeinsam ist beiden, dass sie ihren jeweiligen Zukünften wechselseitig vertraut haben. Sie sind feindliche Brüder vom gleichen Stamm.

Lösungen lassen sich deshalb nicht dadurch finden, dass man, je nach politischem Geschmack, der einen oder der anderen Seite mehr Kompetenz unterstellt. Es geht vielmehr um ein neues Zukunftskonzept, das weiß, dass die Zukunft stets unbekannt bleiben wird. Damit ökonomisch und politisch umzugehen, gewissermaßen mit einer Entzauberung der Zukunft, werden politische und ökonomische Eliten lernen müssen - übrigens nicht aus moralischen oder Gemeinwohlgründen, sondern aus schlichten unternehmerischen Interessen und zur Wiederherstellung politischer Handlungsfähigkeit.

Womöglich sind unsere Zukunftsprobleme ernster, als es auf den ersten Blick aussieht.