Doch dann, fünf Wochen nach dem Tod des Zeitungszaren, sah alles anders aus. Am 31. Oktober 1985 moderierte der Testamentsvollstrecker Bernhard Servatius in der Berliner Residenz der Springers, dass der "tatsächliche" letzte Wille des Verlegers anders ausgesehen habe. Springer habe, entkräftet vom Kampf gegen seine Krankheit, bloß keine Zeit mehr gehabt, seine neuen Wünsche in die juristisch richtige Form zu bringen. Deshalb, so Servatius, habe er nun eine Erbenvereinbarung aufgesetzt, die den neuen Realitäten Rechnung trage. Sie sah vor: 70 Prozent für die Witwe, je zehn Prozent für die beiden Kinder Nicolaus und Barbara Choremi sowie je fünf Prozent für die Enkel Aggi und Ariane.

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Mit der Situation überfordert

Nur fünf statt 25 Prozent - der damals 19-jährige Axel Sven Springer, offenkundig beraterlos und mit der Situation total überfordert, akzeptierte. Seit einigen Jahren bewertet er seinen Fall neu, fühlt sich getäuscht und ficht diesen Deal in der Springerschen Residenz vom letzten Oktobertag 1985 an.

Vor dem Landgericht Hamburg war Aggi noch gescheitert. Doch viele Beobachter und Kundige glauben, dass die Beweisaufnahme in der Verhandlung vor dem Oberlandesgericht die Wende gebracht habe. Erstmals im November hörte das Gericht Zeugen an. Vor allem der Auftritt von Ernst Cramer hat wohl für Überraschungen gesorgt. Der 94-jährige Publizist, einer der engsten Wegbegleiter des Verlegers Springer, bekundete nach Erzählungen von Eingeweihten, die Interessen des Enkels seien wohl nicht optimal vertreten worden. Cramer gab an, das Erbentreffen vom 31. Oktober mit einem schlechten Gewissen verlassen zu haben. Ihn störte, dass er sich vorher nur unzureichend über ein großes Risiko informiert hatte, das für Axel Sven mit der neuen Lösung entstanden war: der möglichen Zahlpflicht einer Schenkungssteuer. Cramer war früher allem Anschein nach davon ausgegangen, dass Axel Sven bei der Erbenregelung anwaltliche Hilfe hatte - doch so war es nicht. Aggis Mutter Rosemarie, die in München lebte, war nicht miteingeladen gewesen, und Aggi reiste direkt von seinem Internat in Zuoz/Schweiz nach Berlin.

In wenigen Stunden regelte Servatius mit den Springers das Erbe neu. Es ging alles schnell, ganz schnell, und die Eiligkeit wirkte auch 22 Jahre später in einem Hamburger Gerichtssaal gespenstisch. Axel Sven Springer stimmte damals, wie die anderen auch, zu. Er hatte aber das ursprüngliche Testament überhaupt nicht gesehen, es war spät versandt worden. "Bitte erst am 28/10 verschicken", steht bezüglich der Testamente auf dem handschriftlichen Vermerk eines Beamten, der sich in der Nachlassakte findet. Servatius sagte vor Gericht, er wisse davon nichts und habe keinen Kontakt zu dem amtlichen Rechtspfleger gehabt.

Viele Ungereimtheiten kamen vor Gericht zur Sprache. Zum Beispiel die Frage, warum Axel Cäsar Springer sehr wohl in jenen Tagen eine Geburtstagskarte an seinen Freund Max Schmeling schreiben konnte, andererseits aber angeblich so siech war, dass er kein neues Testament unterzeichnen konnte.

Turbulenzen und Tollheiten

Axel Sven Springer hat viele Turbulenzen und Tollheiten in der Zeit seit dieser Erbenneuregelung, also der Machtübernahme durch Friede Springer, beobachten können. Damals im Herbst 1985 hatten die Springer-Erben mit der Witwe insgesamt ja nur 25 Prozent des Verlagskapitals besessen, der größte Batzen lag bei der Verlegerfamilie Burda, dem Münchner Medienkaufmann Leo Kirch und freien Aktionären, die nach einem Börsengang gekauft hatten.

Friede Springer aber kaufte sich - mit vielen Volten und Finessen - die Mehrheit zusammen. Schon 1996 beendete sie die Testamentsvollstreckung und übernahm die Geschäfte in der Familienholding, fünf Jahre später schließlich kündigte sie den Gesellschaftervertrag mit den da noch am Verlag beteiligten Erben, den Enkeln Aggi und Ariane. Friede Springer wollte deren Minderheitsrechte beseitigen, unter anderem den Anspruch, einen Vertreter in den Aufsichtsrat zu schicken.

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